Dr. Barbara Keck

Pflegebedürftigkeit: Aktuelle Fakten und zukünftige Entwicklungen

Mittlerweile sind knapp ein Viertel der Menschen in Deutschland 60 Jahre und älter, sie bilden also eine starke Gruppe in unserer Gesellschaft. Dennoch lassen sich die Zugehörigen zu diesem Kreis meist nur ungern als ältere Menschen oder Senioren bezeichnen. Denn anders als in Amerika, wo der Begriff Senior auch für Erfahrung und Kompetenz steht, wird in Deutschland Alter oft mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit gleichgesetzt.

Dass dies vollkommen falsch ist, lässt sich leicht durch Zahlen des Bundesministeriums für Gesundheit belegen: Zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr sind nur 4% der Seniorinnen und Senioren pflegebedürftig. Auch nach dem 80. Lebensjahr ist der größte Teil fit und lebt selbständig, allerdings steigt der Prozentsatz der Pflegebedürftigen auf 32% an ( www.bmgesundheit.de ).

Falsch ist also, dass die meisten älteren Menschen pflegebedürftig sind. Richtig ist, dass das Risiko, pflegebedürftig zu werden, mit zunehmenden Alter steigt und dass die meisten Pflegebedürftigen ältere Menschen sind: Im Jahr 1999 waren 80% der Pflegebedürftigen 65 Jahre und älter (Statistisches Bundesamt 2001: Kurzbericht - Pflegestatistik 1999).

Nochmals zur Verdeutlichung: Auch wenn 80% der Pflegebedürftigen älter als 65 Jahre sind heißt das nicht, dass die Mehrzahl der senioren der Pflege bedarf. Denn insgesamt sind nur 4% der über 65-Jährigen davon betroffen.

69% der Pflegebedürftigen sind weiblich. Erklärt wird dies zum einen mit der höheren Lebenserwartung der Frauen: Neugeborene Mädchen haben eine Lebenserwartung von rund 80 Jahren, neugeborene Jungen von rund 74 Jahren und 65-jährige Frauen werden durchschnittlich ca. 84 Jahre alt, 65-jährige Männer hingegen nur ca. 80 Jahre (Bundesministerium für Gesundheit: Sterbetafel 96/98). Zum anderen ist jedoch das Risiko, im höheren Alter pflegebedürftig zu werden, bei den Männern ab dem 80. Lebensjahr offensichtlich geringer: "So beträgt bei den über 90-jährigen Frauen die Pflegewahrscheinlichkeit 65%, bei den Männern gleichen Alters hingegen "nur" 42%" (Statistisches Bundesamt 2001: Kurzbericht - Pflegestatistik 1999, S. 3)

Im Dezember 1999 waren 2,02 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, das Bundesministerium für Gesundheit rechnet bis zum Jahr 2010 mit zusätzlich 340.000 Pflegebedürftigen. Die Schätzungen für die weitere Zukunft liegen je nach Institut teils erheblich auseinander: Für 2040 schwanken die Zahlen zwischen 2,26 Millionen bis hin zu 2,79 Millionen. Das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) schätzt sogar 3,88 bis 4,02 Millionen Pflegebedürftige im Jahr 2050 (vgl. Übersicht über Prognosen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation, 2001, S. 86 ff.).

Durch die Berichterstattung in den Medien, bei denen vor allem Pflegebedürftige in Heimen im Mittelpunkt stehen, prägt sich das Bild, dass die meisten Pflegebedürftigen dort wohnen. Nach wie vor leben aber nahezu drei Viertel (72% bzw. 1,44 Millionen) der pflegebedürftigen Menschen zu Hause. In der Regel übernehmen die Angehörigen allein die Versorgung, nur knapp ein Drittel nutzen ambulante Pflegedienste. Der allergrößte Teil der pflegenden Angehörigen, weit über 80%, sind Frauen, meist die Ehefrauen oder die Töchter. Nach einer Allensbacher Studie (2001) sind die Frauen auch in Zukunft stärker als die Männer bereit, ihren Ehepartner im Falle eines Falles zu pflegen, und zwar berufstätige Frauen gleichermaßen wie nicht berufstätige Frauen. Ob dies im gleichen Maße für die Pflege der Eltern gilt und ob die Bereitschaft auch tatsächlich umgesetzt wird, lässt sich aus der Studie nicht erschließen. In jedem Fall gilt: Die hohe Zahl der Alleinlebenden und der Scheidungen führen zu einem Verlust der "Familienbande". Aus diesen Gründen befürchten Experten, dass zukünftig weniger Angehörige für die häusliche Pflege zur Verfügung stehen.

Gut ein Viertel (28% bzw. 573.000) der Pflegebedürftigen werden in Heimen betreut. Dabei ist der Anteil der Schwerstpflegebedürftigen mit 22% deutlich höher als im häuslichen Bereich mit 14% (ambulanter Dienst) bzw. 10% (nur Angehörige). Nach einer Studie von Schneekloth und Müller (2000) leben die Bewohnerinnen und Bewohner durchschnittlich 3 Jahre im Heim. Die Spannbreite für die Dauer des Heimaufenthaltes variiert erheblich: Einige verbringen nur wenige Tage im Heim bis zu ihrem Tod, andere leben viele Jahre dort.

Leider überwiegen noch leicht Zweibett-Zimmer gegenüber Einbett-Zimmern und immerhin rund 30.000 pflegebedürftige Menschen teilen sich ein Zimmer mit zwei oder drei weiteren Personen. Da die meisten älteren Menschen vor dem Einzug ins Heim alleine leben, haben viele von ihnen den Wunsch, auch im Heim über eigene vier Wände zu verfügen, die man mit niemanden teilen muss, und in die man sich zurückziehen kann. Daher hat die BAGSO schon bei Einführung der Pflegeversicherung in einem Positionspapier einen Abbau von Mehrbett-Zimmern und einen Ausbau von Einzelzimmern gefordert.

Mittlerweile sind über 600.000 Menschen unmittelbar im Pflegebereich tätig (im Bereich der ambulanten Pflege 184.000 Beschäftigte und in Heimen 441.000 Beschäftigte) und dieser ist somit ein bedeutender Dienstleistungssektor des Arbeitsmarktes.

Bis zur Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung erfolgte die Absicherung gegen das finanzielle Risiko der Pflegebedürftigkeit überwiegend aus Eigenmitteln der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen und - bei finanzieller Bedürftigkeit - durch die Sozialhilfe. Dieses "letzte Netz", welches für Ausnahmefälle gedacht ist, stellte in Heimen die Regelabsicherung dar: In Westdeutschland lag die Quote bei mehr als zwei Drittel, in Ostdeutschland war sie noch deutlich höher (Roth & Rothgang 2001). Mehr als ein Drittel der Sozialhilfeausgaben wurde damit für die Pflege ausgegeben. Zwar konnte die Zahl der Sozialhilfeempfänger durch die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 deutlich gesenkt werden, jedoch sind nach amtlichen Zahlen immer noch 35% der Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen. Schneekloth und Müller (2000) ermittelten sogar eine Quote von 44% in Westdeutschland und 29% in Ostdeutschland. Damit hat die gesetzliche Pflegeversicherung eines ihrer Ziele - die deutliche Verringerung der Sozialhilfeempfänger in Heimen auf 20% - klar verfehlt.

Und es ist eher mit einem Anstieg der Sozialhilfeempfänger in Heimen zu rechnen als mit einer Abnahme, wenn nicht weitere Vorsorge getroffen wird: Denn die Pflegekosten steigen kontinuierlich, jedoch ist eine Erhöhung der Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung seit ihrer Einführung im Jahr 1995 weder erfolgt, noch in Zukunft absehbar.

Die nachfolgende Tabelle zeigt die aktuellen Kosten in Heimen differenziert nach Pflegestufen und alten bzw. neuen Bundesländern:

 

Tabelle: Heimkosten in €

Pflegestufen<br>BundesländerPflegestufe I
(leicht)
Pflegestufe II
(mittel)
Pflegestufe III
(schwer)
Alte Bundesländer1.8932.3262.750
Neue Bundesländer1.5551.8752.306

Quelle: Verband der Angestellten-Krankenkasse e.V. - VdAK, 1/2002

 

In den Heimkosten sind die Kosten enthalten für die Pflege und für Unterkunft/Verpflegung sowie die Investitionskosten. Noch extra zu kalkulieren sind weitere übliche Kosten wie z.B. für Bekleidung, Telefon, Friseur. Somit müssen Heimbewohner der höchsten Pflegestufe mit Gesamtkosten von 3.000 € in den alten Bundesländern und 2.500 € in den neuen Bundesländern rechnen.

Der Löwenanteil der Heimkosten wird durch die Pflegekosten verursacht und diese werden nur zum Teil durch die Pflegeversicherung abgedeckt. Besonders bei Pflegestufe III klaffen die Kosten für die Pflege und die Leistungen aus der Pflegeversicherung auseinander. So betrug der durchschnittliche Pflegesatz bei Pflegestufe III 2001 in einer stationären Einrichtung in den neuen Bundesländern 2.010 € und in den alten Bundesländern 1.746 €, die Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung betrugen 1.432 €. Neben den oft schon hohen Kosten für Unterkunft und Verpflegung muss der/die Heimbewohner/in auch noch für die verbleibende Differenz zwischen Pflegesatz und Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung aufkommen, die 2001 bei Pflegestufe III durchschnittlich betrachtet bei 578 € bzw. 314 € lag.

Die Forderungen nach höherer Qualität in der Pflege werden zukünftig die Kosten eher erhöhen als senken. Insbesondere die immer wieder zu Recht geforderte ausreichende Bezahlung und damit auch Anerkennung der Pflegeberufe und die bessere Betreuung geistig verwirrter (dementer) Menschen sind meist nur durch zusätzliche finanzielle Mittel umsetzbar. Geld allein ist zwar nicht ausreichend für Qualitätsverbesserungen, aber doch eine wichtige grundsätzliche Voraussetzung. Daher wird die private finanzielle Vorsorge - über die gesetzliche Pflegeversicherung hinaus - in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

 

Dr. Barbara Keck

BASIQ GmbH

Wahlfelder Mühle 5

53639 Königswinter

eMail: keck@basiq.info

 

Literaturverzeichnis und Quellenangaben:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): www.bmfsfj.de, 2002

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation, 2001

Bundesministerium für Gesundheit (BMG): www.bmgesundheit.de, 2002

Roth, G. & Rothgang, H.: Sozialhilfe und Pflegebedürftigkeit: Analyse der Zielerreichung und Zielverfehlung der Gesetzlichen Pflegeversicherung nach fünf Jahren. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, Band 34, S. 292-305, 2001

Schneekloth, U. & Müller, U.: Wirkungen der Pflegeversicherung. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Nomos Verlag, 2000

Statistisches Bundesamt: Kurzbericht - Pflegestatistik 1999, 2001

Statistisches Bundesamt: www.destatis.de, 2002