Gesunde Ernährung im Alter - aus der Sicht eines Arztes

Gibt es "die gesunde Ernährung"? Eine provokative Frage. Einigkeit, wie diese auszusehen hat, lässt sich allenfalls noch für das Säuglingsalter erzielen: reine Muttermilch. Für das Erwachsenenalter kann man sich oft noch auf ein paar Grundsätze einigen:

     

  • abwechslungsreich,
  • ein "gesundes Mittelmaß", nicht zuviel und nicht zu wenig, aber vor allem nicht zu viel in unserer Wohlstandsgesellschaft,
  • viel Obst und Gemüse,
  • reichlich Ballaststoffe,
  • ausgewogen Fleisch und Fisch.

Für alle weiteren Empfehlungen gibt es Für und Wider, und was wurde nicht schon erbittert über das tägliche Glas Milch, das Frühstücksei, das Grillkotelett, das Gläschen Wein, den Nährwert von Pommes frites und die Gretchenfrage: Margarine oder Butter? gestritten. Kaum ein Feld, das ähnlich dicht von Gesundheitsaposteln und falschen Scharlatanen beackert wird. Mit Vitaminen, Spurenelementen und obskuren Mixturen aus allen erdenklichen Nährstoffen verdienen sich findige Firmen eine goldene Nase und schütten teure Füllhörner aus über eine nur allzu empfangsbereite, verunsicherte Gemeinde auf der Suche nach dem Heiligen Gral des Gesunden Alterns. (Das Wunder der menschlichen Psyche erlaubt es nicht wenigen Gralssuchern, ihre Lebenserwartung gleichzeitig mittels exzessivem Nikotinkonsum dramatisch zu verkürzen.)

Der Rat für alle Gesundheitsbewussten kann daher nur lauten: Ausgewogen ernähren, Extreme und Exzesse vermeiden, regelmäßig Sport treiben und dem Nikotin abschwören!

Doch ein Wort noch zu den Krankheiten. Oben Gesagtes gilt so für Gesunde, aber bei den großen chronischen Volkskrankheiten kann eine richtige angepasste Ernährung (früher sagte man "Diät") einen ganz wesentlichen Beitrag zur Vorbeugung von Dauerschäden leisten. Das gilt insbesondere für Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Gicht und erhöhte Blutfette (u. a. Cholesterin). Darauf sollte sich jeder Erwachsene im mittleren Lebensalter ca. einmal jährlich untersuchen lassen und bei beginnenden Zeichen einer Stoffwechselstörung sich ausführlich von einer Ernährungsfachkraft beraten lassen. In Deutschland wird die (Alters-) Zuckerkrankheit immer noch durchschnittlich erst sieben Jahre nach ihrem Beginn diagnostiziert. In dieser Zeit sind schon erste schleichende Dauerschäden an Nerven und Gefäßen, Herz und Nieren entstanden, die allein durch eine Ernährungsanpassung hätten vermieden werden können. Das größte Hindernis für viele, diesen einfachen Rat in die Tat umzusetzen, ist einfache Angst: Angst davor, dass etwas Unangenehmes entdeckt werden könnte und davor, dass durch ärztliche Vorschriften und Empfehlungen erhebliche Lebensqualität genommen wird. Für die meisten Menschen ist Essen ein ganz wesentlicher Teil der Lebensqualität. Sie soll nicht genommen, sondern unbedingt erhalten werden, sonst schaffen es nur Säulenheilige und Einsiedelasketen, ihre Ernährung der Gesundheit zuliebe dauerhaft umzustellen. Und dauerhaft muss es schon sein, sonst hat es wenig Sinn. Die Empfehlungen z.B. bei erhöhten Blutfetten sind heute lang über das Verbot von Eiern und Butter hinaus. Auch Menschen mit stark erhöhten Cholesterinwerten können in Maßen Eier und Butter essen; aber dass und wie sie den Gesamtfett-Verzehr verringern sollen und welche Öle sich günstig oder ungünstig auswirken, das kann und soll durch eine Fachberatung gelernt werden. Also keine Angst vor großen Einschränkungen!

Wie ist es nun im Alter? Zunächst sieht es scheinbar einfach aus: Für die gesunden, fitten und "jungen" Alten gelten dieselben Empfehlungen wie für jüngere Erwachsene. Der durchschnittliche Kalorienbedarf nimmt wohl stetig ab (um ca. 5 - 7% pro Dekade ab 35), und damit auch die allgemeine Empfehlung der Mengenzufuhr, aber das regelt sich oft automatisch durch geringeren Appetit. Für Hochbetagte und chronisch kranke Senioren stellen sich jedoch ganz neue, schwere und viel zu wenig beachtete Probleme in der Ernährung: Die große Gefahr ist eine Mangelernährung, deren Entstehung und deren Folgen zunächst schleichend und unerkannt sind.

Was bedeutet "Mangelernährung"? Der Mangel betrifft Qualität oder Quantität, fast immer aber beides. Man spricht in der Fachliteratur gerne von "Protein-/Kalorien-Mangelernährung", weil dauerhaft zu wenig Energie und praktisch immer zu wenig Eiweiß aufgenommen werden. (Bei ungenügender Energiezufuhr werden Eiweiße als Energieträger vom Körper verstoffwechselt und fehlen dann als wichtige Zellbausteine.) Auf die Ursachen und Folgen soll später noch etwas genauer eingegangen werden. Ein Mangel kann natürlich bei einseitiger Ernährung auch einzelne (Mikro-)Nährstoffe betreffen: Vitamine, Spurenelemente, essenzielle Fettsäuren. Es leuchtet ein, dass sich solch ein Mangel bei geringerer Gesamtnahrungszufuhr viel leichter manifestieren kann. Nimmt jemand 3.000 kcal täglich zu sich, ist die Wahrscheinlichkeit eines Vitaminmangels auch bei einseitiger Ernährung gering. Isst er aber nur noch 1.400 kcal, wird es wahrscheinlich, dass der Bedarf an dem einen oder anderen Vitamin langfristig nicht ausreichend gedeckt wird. Also: Je geringer die Gesamtnahrungsmenge, desto wichtiger wird eine wirklich ausgewogene Ernährung. Die Folgen einzelner fehlender Mikronährstoffe sind in der Regel nicht offensichtlich und bleiben unerkannt in den Symptomenkomplexen von chronischen Erkrankungen und des Alterns an sich. Dazu gehören z.B.:

     

  • Hautdystrophien
  • Knochenschwund (Osteoporose)
  • Nervenabbau
  • Kraftverlust
  • nachlassendes Gedächtnis
  • Konzentrationsstörungen
  • Sehverschlechterung
  • verzögerte Wundheilung
  • verminderte Infektabwehr
  • gestörte Blutbildung

Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig, und viele Folgen sind in ihrem direkten Kausalzusammenhang noch gar nicht gänzlich erkannt. Einzelne Mängel lassen sich im Labor auch meist schlecht nachweisen, weil die im Blut zirkulierenden Konzentrationen nicht den Gesamtkörperhaushalt widerspiegeln. Daraus folgt, dass bei erkannter einseitiger Ernährung, die sich nicht in eine vollwertige ändern lässt, wahrscheinlich eine Substitution mit Vitaminen und Spurenelementen sinnvoll ist. Die Einschränkung mit "wahrscheinlich" muss gemacht werden, weil wir bis heute noch keine wissenschaftlich belegten eindeutigen Beweise haben, dass diese Art der Vorbeugung oder Behandlung als allgemeines Prinzip einen adäquaten Nutzen im Verhältnis zu den Kosten und möglichen unerkannten Risiken bringt. Große Studien, in denen untersucht wurde, ob Gesunde, die zusätzlich Vitaminpräparate einnahmen, gesünder bleiben, verliefen jedenfalls enttäuschend. Bei allen Erkrankten und von Mangelernährung bedrohten ist meines Erachtens der Einsatz von Vitaminsupplementen dennoch gerechtfertigt. Eine gute Ergänzung sind übrigens vitaminreiche Frucht- und Gemüsesäfte.

Droht eine "Protein-/ Kalorienmangelernährung", ist Gefahr in Verzug. Ein Mangel an den verschiedenen Mikronährstoffen gehört übrigens notwendigerweise auch dazu, und all die Folgen aus der obigen Liste treten mehr oder weniger gemeinsam auf. Der Eiweißmangel führt außerdem zu Muskelschwund, Herz-, Kreislaufstörungen und Gewebswassereinlagerungen (Ödemen). Der Prozess ist zunächst schleichend und wird oft erst offensichtlich, wenn ein Akutereignis, eine Akuterkrankung oder ein Krankenhausaufenthalt hereinbricht und den vorher noch latenten Mangel offensichtlich werden lässt. Dann fehlen die notwendigen Reserven. Mangelernährte sind nachweislich von erheblich schlechteren Heilungschancen, verzögerter Rekonvaleszenz und erhöhter Sterblichkeit bedroht.

Es gilt also vorzubeugen. Der erste Schritt zur sinnvollen Prävention ist das Erkennen der Bedrohung. Welche Faktoren deuten auf eine drohende Mangelernährung hin? Abnehmender Appetit gehört zum hohen Alter, wie auch nachlassendes Durstgefühl. Allein durch Altersvorgänge nehmen Riech- und Geschmacksvermögen ab – die Speisen schmecken fade, Gaumenkitzel und Essenslust lassen automatisch nach. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung, dass ältere Menschen stark gewürztes Essen nicht gut vertrügen und sich eher schwache Würze wünschten, gaben die Mehrzahl der Befragten in einer hauseigenen Umfrage an, das Klinikessen bevorzugten sie stärker gewürzt; nur 5% war die Würze zu stark. Wie bereits eingangs erwähnt, nimmt auch der durchschnittliche Kalorienbedarf mit dem Alter ab. Es gilt also zu erkennen, wann abnehmender Appetit und Verzehrsmenge zur Unterversorgung führen. Eine ganze Reihe von Faktoren können aggravierend dazu beitragen:

     

  • Erschwerter Zugang zu Nahrungsmitteln durch Mobilitätsprobleme oder auch finanzielle Probleme,
  • erschwerte Nahrungszubereitung bei eingeschränkter Selbsthilfefähigkeit – z.B. bei Rheuma und Arthrose oder schlechtem Sehvermögen,
  • soziale Isolation – in Gesellschaft kocht und isst es sich gemütlicher,
  • schlecht sitzendes Gebiss oder sanierungsbedürftiger Zahnstatus,
  • Medikamente, die den Appetit verschlechtern – je mehr Präparate eingenommen werden, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit (> 4 Präparate = höheres Risiko),
  • hoher Alkohol- und Nikotinkonsum,
  • chronische Krankheiten, vor allem des Verdauungsapparates, aber auch von Herz, Nieren und anderen Organen,
  • Depression – ein wichtiger, leider manchmal lange unerkannter Faktor,
  • Demenz – ebenfalls eine Erkrankung, die per se zu nachlassendem Hungergefühl führen kann,
  • Schluckprobleme bei Erkrankungen des Nervensystems oder der Mund-Halsregion,
  • restriktive Diäten, die in früheren Jahren vielleicht sinnvoll waren, bei drohender Mangelernährung aber gefährlich werden können.

Die Liste kann als Checkliste benutzt werden: Liegen ein oder mehrere Faktoren vor, muss von einer drohenden Mangelernährung ausgegangen werden. Gleichzeitig sollten die Faktoren möglichst ursächlich behandelt, ggf. auf Abhilfe gesonnen und auf die aktuelle Ernährungssituation genauer geachtet werden: Gibt es einen Gewichtsverlust? Wie viel und was wird tatsächlich gegessen? Ggf. können auch weiterführende Untersuchungen zur Erfassung des Ernährungszustandes indiziert sein.

Es gibt eine Reihe verschiedener Assessment-Bögen, die Mangelernährung und/oder die Bedrohung erfassen.

Am weitesten verbreitet ist wahrscheinlich mittlerweile der MNA (Mini Nutritional Assessment), der kostenlos erhältlich ist, z.B. im Internet unter www.mna-elderly.com/practice/forms/MNA_german.pdf. Er scheint als Screening-Instrument sinnvoll – am wichtigsten ist aber, überhaupt daran zu denken, dass ein Ernährungsproblem vorliegen oder drohen könnte, und dann auch entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, wenn entscheidende Faktoren identifiziert wurden.

Damit es gar nicht erst zum kritischen Punkt kommt, noch ein paar praktische Tipps für Senioren:

     

  • Essen Sie regelmäßig und verteilen Sie die Nahrungsmenge auf 5 bis 6 kleine Mahlzeiten. Das ist bekömmlicher und erhält die Leistungsfähigkeit.
  • Kontrollieren Sie einmal pro Woche Ihr Gewicht.
  • Achten Sie auf ausreichend Bewegung. Regelmäßige körperliche Betätigung (zwei- bis dreimal pro Woche) hält beweglich und fit und fördert den Appetit. Besonders gut eignen sich Ausdauersportarten wie Schwimmen, Walking, Radfahren und Wandern. Gymnastik sorgt für Beweglichkeit.
  • Nehmen Sie sich ausreichend Zeit zum Essen - Essen Sie bewusst und kauen Sie gründlich, denn: Gut gekaut ist halb verdaut!
  • Richten Sie sich das Essen appetitlich an! Probieren Sie gelegentlich etwas Neues. Essen ist Genuss!
  • Etwas Warmes braucht der Mensch, vor allem der ältere. Eine warme Suppe oder eine Tasse warmer Tee tun gut!
  • Auch wenn Sie alleine den Haushalt führen - für die Gesundheit und das Wohlbefinden lohnt es sich, auch für eine Person zu kochen. Laden Sie sich regelmäßig jemanden ein: Gemeinsame Mahlzeiten fördern Appetit und Wohlbefinden.
  • Kochen Sie auf Vorrat und frieren Sie einen Teil ein.
  • Tiefkühlgemüse enthält nahezu so viel Inhaltsstoffe und Geschmack wie Frischware und spart viel Zeit.

Als Fazit bleibt festzuhalten:

Essen hält Leib und Seele zusammen, und eine gesunde Ernährung im Alter unterscheidet sich zunächst nicht von der in jüngeren Jahren. Als Besonderheit und oft unterschätztes Problem ist jedoch die Mangelernährung im hohen Alter anzusehen, an die rechtzeitig gedacht werden muss. Gerade dann gilt: Hände weg von restriktiven Diäten!

Wer sich tiefer gehend informieren will, dem sei das Buch von Dorothee Volkert empfohlen: Ernährung älterer Menschen in Deutschland, Koester Verlag 2002. Weitere Infos und zahlreiche praktische Tipps finden sich auch auf der Internet-Seite des Deutschen Ernährungsberatungs- und Informationsnetzes (DEBInet): www.ernaehrung.de.

 

Dr. Christian Marburger

Bethanienkrankenhaus Heidelberg

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