Das Altern geht uns alle an

 

Vom 8. bis zum 12. April fand in Madrid die Weltversammlung zu Fragen des Alterns statt. Im Zentrum dieser internationalen Konferenz der Vereinten Nationen stand die Verabschiedung eines neuen Weltaltenplans, der sich mit den Chancen und Problemen einer alternden Weltbevölkerung auseinandersetzt. Die Konferenz hat deutlich gemacht, dass sich die Verschiebungen der Altersanteile von Jung und Alt nicht nur auf einige wenige Länder beschränkt, sondern ein globales Phänomen darstellt. Im Verlauf der nächsten 50 Jahre verdoppelt sich weltweit die Anzahl älterer Menschen und übersteigt dann erstmals den Anteil von Kindern und Jugendlichen. Die erstaunliche Zunahme der Lebenserwartung um rund 20 Jahre seit 1950 gilt hierbei als einer der größten Fortschritte.

Die Zeitperspektiven und die Intensität der Veränderungen sind in den einzelnen Nationen durchaus unterschiedlich. Vor allem europäische Staaten führen derzeit noch die Altersstatistiken an. Im internationalen Vergleich steht Deutschland hinsichtlich seines prozentualen Anteils älterer Menschen an dritter Stelle. Doch gerade die Entwicklungsländer werden in den nächsten Jahrzehnten vor enorme Herausforderungen gestellt. Dort vollzieht sich die Bevölkerungsentwicklung mit einer ungeheuren Dynamik. Im Vergleich zu Westeuropa wächst der Anteil älterer Menschen in diesen Regionen ungefähr viermal so schnell. Bis zum Jahr 2030 leben voraussichtlich drei Viertel aller älteren Menschen in Entwicklungsländern. Aufgrund der vielfach ungünstigen Ausgangsbedingungen haben die Staaten der Dritten Welt daher ein starkes Interesse, das Thema Alter zum Gegenstand internationaler Kooperationen zu machen.

Das Interesse der Vereinten Nationen an den Auswirkungen des gesellschaftlichen Alterns ist keineswegs neu. Schon vor 20 Jahren wurde in Wien auf der ersten Weltversammlung ein Weltaltenplan verabschiedet. Wenngleich mit starker Orientierung auf Industrienationen hat dieses frühe Dokument bereits sehr treffend auf Handlungsnotwendigkeiten hingewiesen. Trotzdem ist es den Vereinten Nationen in der Folgezeit nicht gelungen, das Querschnittsthema einer alternden Gesellschaft inhaltlich weiter voran zu bringen. Anfang der 90er Jahre unternahm die Weltgemeinschaft den Versuch, den Weltaltenplan erneut aufzugreifen. Doch auch die Verabschiedung seniorenpolitischer Grundsätze im Sinne allgemeiner Grundrechte älterer Menschen sowie die Ausrufung einer Dekade zur Umsetzung globaler altenpolitischer Ziele blieben ohne weiterreichende Wirkung. Erst das Internationale Jahr der Senioren 1999, das in Deutschland und vielen anderen Mitgliedstaaten aktiv aufgegriffen wurde, markiert einen wesentlichen Wendepunkt. Der Erfolg dieses internationalen Jahres hat dazu geführt, das Thema "Alter" als eine primäre, politische Herausforderung zu erkennen. Auf der zweiten Weltversammlung in Madrid sollte deshalb ein Aktionsplan entstehen, der sich mit den übergreifenden Herausforderungen des Alterns für Politik und Gesellschaft differenziert auseinandersetzt.

Inhaltlich untergliedert sich der nach langwierigen Textverhandlungen in Madrid verabschiedete neue Weltaltenplan in verschiedene Teile. Nach der Einleitung folgt ein umfänglicher Empfehlungskatalog mit drei Schwerpunktkapiteln. Diese sogenannten "Priority Directions" umfassen die Bereiche "zukünftige Entwicklung", "Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden im Alter" sowie "Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für ältere Menschen". Unter diesen drei Kategorien werden zentrale Themen aufgegriffen und in Form von "Problemstellungen", "Zielen" und möglichen "Aktionen" weiter aufgeschlüsselt. Neben politischen Prioritäten zur Verbesserung der Lebenssituation insbesondere älterer Menschen wie etwa Armutsbekämpfung, gesellschaftspolitische Partizipation, individuelle Selbstverwirklichung, Einhaltung von Menschenrechten und Gleichstellung von Männern und Frauen werden in dem neuen Weltaltenplan auch verstärkt übergreifende gesamtgesellschaftliche Aufgaben benannt. Intergenerationelle Solidarität, Beschäftigung, soziale Sicherung, Gesundheit und Wohlbefinden, aber auch das Zusammenspiel von Regierung und Zivilgesellschaft stehen hierbei im Vordergrund. Das Papier schließt mit weiteren Vorschlägen für eine nachhaltige Umsetzung der jeweiligen Themen, in denen sowohl die Rolle der Forschung sowie nationale und internationale Anforderungen Berücksichtigung finden.

Das Gesamtdokument verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und greift das Motto "Building a Society for all Ages" als zentrales Leitmotiv der Vereinten Nationen auf. Wichtige Konferenzen wie etwa die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo, die Sozialentwicklungskonferenz in Kopenhagen und die Weltfrauenkonferenz in Beijing sowie ihre Nachfolgekonferenzen haben Eingang in den Text gefunden. Besonderes Augenmerk wurde der Situation in den Entwicklungsländern geschenkt. Im Rahmen einer politischen Erklärung haben die Vereinten Nationen darüber hinaus ihre wesentlichen Akzente nochmals zusammengefasst und in Form einer moralischen Verpflichtung für die Mitgliedsstaaten gebündelt.

Mit dem Ziel einer regionalen Implementierung des Weltaltenplans findet in Berlin vom 11. bis 13. September eine Nachfolgekonferenz mit 55 Ministern der sogenannten ECE-Region sowie Vertretern von Nichtregierungsorganisationen statt. Dort wird man sich damit auseinandersetzen, wie es gelingen kann, das Thema Altern langfristig zu bearbeiten und mit konkreten Empfehlungen für einzelne Nationen zu verknüpfen. Auch die BAGSO wird bei dieser für Deutschland wichtigsten internationalen Konferenz vertreten sein.

 

Dr. Stefan Pohlmann

Wissenschaftlicher Leiter der Geschäftsstelle Weltaltenplan am Deutschen Zentrum für Alternsfragen

Friedrichstr. 45, 53111 Bonn

Tel: 0228 / 96 91 169

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