Die Fünf Säulen des Kognitiven Trainings zur Therapie und Rehabilitation von Hirnleistungsstörungen

 

Bis vor wenigen Jahren herrschte die Meinung vor, man könne gegen geistige Defizite im Alter nichts tun. Dass dies keineswegs so ist, zeigen die Ergebnisse der Hirnforschung der letzten Jahre eindrücklich. Die neuronale Plastizität des Gehirns, also die Fähigkeit, sich strukturell und funktionell an die Umgebungsbedingungen anzupassen, bleibt bis ins Alter erhalten (Bauer, J., 1994, Buell and Coleman, 1979, Spitzer, 1996). Das bedeutet, dass spezifisches Training oder spezifische Aktivität eines Menschen darüber entscheidet, ob die mit einer bestimmten Funktion in Verbindung stehenden Synapsen neu gebildet, aufrechterhalten oder gelöst werden (Merzenich et al., 1990, Swaab, 1991). Das Gehirn entwickelt und verändert sich also ein Leben lang abhängig davon, was der Mensch denkt und womit er sich beschäftigt.

Neuroplastizität im Krankheitsfall bedeutet eine große Chance: Verlorene und/oder geschwächte Funktionen können durch entsprechende Therapie wiedergewonnen oder verbessert werden. So fand man beispielsweise bei Patienten mit Gefäßverschlüssen im Gehirn eine Funktionssubstitution senso-motorischer Integrationsleistungen (Seitz, 1997). Umgekehrt kann die Neuroplastizität jedoch auch eine Gefahr darstellen, dann nämlich, wenn ein Mensch in einer geistig und sozial wenig anregenden Umgebung zu leben gezwungen ist. Dann stellt sich das Gehirn auch auf diese Situation ein und passt seine Tätigkeit dieser nicht aktivierenden Situation an: Geistige Leistungen können verkümmern und in ihrer Funktion nachlassen (Rudinger und Lantermann, 1980, Denney und Palmer, 1981, Schaie und Gribbin, 1985).

Aus dem Wissen heraus, welche Chance die Neuroplastizität für die Wiedergewinnung oder Kompensation geschwächter oder verlorener geistiger Funktionen bietet, ergeben sich neue Perspektiven für die Therapie und Rehabilitation von Patienten mit Hirnleistungsstörungen wie z.B. nach Schlaganfall oder im Anfangsstadium einer Demenz (Ladner-Merz, 1998, 1999).

Die internistische Chefärztin, Psychologin und Soziologin Dr. med. Franziska Stengel erkannte als eine der ersten, wie wichtig geistiges Training für die Gesunderhaltung älterer Menschen ist. Aus ihrer umfangreichen therapeutischen Erfahrung heraus entwickelte sie bereits in den siebziger Jahren eine ganzheitliche Methode zum "Gedächtnistraining", die sie das "Gedächtnis spielend trainieren" nannte (Stengel, 1976). Um möglichst viele Senioren anzusprechen und auf die Wichtigkeit der geistigen Selbstpflege hinzuweisen, hielt die renommierte Ärztin und Gerontologin im gesamten deutschen Sprachraum viele Vorträge und veröffentlichte "ihr" Gedächtnistraining in Form vieler Bücher als Material zum Selbsttraining bzw. zum Training in Seniorengruppen ("Heitere Gedächtnisspiele", Stengel, 1979, 1981, 1983, 1997, 2001, Ladner-Merz, 1996). Die neuen Erkentnisse über die Neuroplastizität bestätigen heute, 25 Jahre später, eindrücklich die Erkenntnisse Dr. Stengels.

Als Anfang der neunziger Jahre deutlich wurde, dass die Zahl der Menschen mit Hirnleistungsproblemen stark zunimmt, entwickelte sie zusammen mit anderen Ärzten "ihr" Gedächtnistraining weiter. Im Rahmen dieser Weiterentwicklung entstand neues Therapiematerial (Stengel, 1996, 1997), das bereits vielerorts von speziell ausgebildeten "Fachtherapeuten für Kognitives Training" mit großem Erfolg eingesetzt wird. Das "Kognitive Training nach Stengel" ist Bestandteil des Therapie- und Rehabilitationskonzeptes "Die Fünf Säulen des Kognitiven Trainings", das auf allen Ebenen einsetzt, die für das Denken und Handeln von Menschen mit Hirnleistungsproblemen im Alltag wichtig sind.

Die erste Säule bildet das Kognitive Training von Stengel, das kognitive Funktionen trainiert wie die Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, fluide und kristallisierte Intelligenz und Gedächtnisfunktionen wie beispielsweise semantisches und episodisches Gedächtnis, Priming sowie prozedurale Fähigkeiten. Daneben werden auch komplexe kognitive Prozesse wie Denken in Zusammenhängen, Konzeptbildung, Planen oder Problemlösen (Brauer, 1995) angeregt. Kognitives Training von Stengel ist eines der wenigen fremdevaluierten neuropsychologischen Verfahren (Michelfelder, 1994), und es erfüllt alle wichtigen Anforderungen an ein Trainingsprogramm für Ältere (Michelfelder, 1995). So legt Stengel äußersten Wert auf eine respektvolle und die Autonomie und Lebensgeschichte des Patienten achtende therapeutische Haltung. Der spezielle Ansatz der Stengel-Pädagogik® verhindert jegliches dressurartige, schulische Vorgehen. Es soll aber auch Quiz vermieden werden, um Stress oder Leistungsdruck gar nicht erst aufkommen zu lassen und die vertiefte Informationsverarbeitung zu fördern. Aus diesem Grund wird spielerisch vorgegangen, wobei die Freude am Denken und das für den Patienten unmerkliche Fördern seiner geistigen Kräfte im Vordergrund steht. Großen Wert legt Dr. Stengel auf die sprachliche Qualität des Übungsmaterials. Gehen doch viele Hirnleistungsstörungen mit einer Schwächung des semantischen Begriffsnetzes einher, was durch sprachlich unscharfes Trainingsmaterial noch verschlimmert werden kann. Auch die Förderung sozialer Kontakte mittels des speziellen pädagogischen Ansatzes - vor allem im Gruppentraining - steigert die Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit der Patienten. Damit verbessert das Training von Stengel nachweislich nicht nur kognitive Funktionen, sondern erhöht auch das Selbstwertgefühl und das Selbstbild der Patienten. Oft ermöglichen erst Erfolgserlebnisse die angstfreie Bearbeitung von Hirnleistungsproblemen. Je nach Krankheitsbild wird entweder nach dem Therapiekonzept des "allgemein geistig aktivierenden Kognitiven Trainings" vorgegangen oder entsprechend dem Konzept des "Symptomorientierten Kognitiven Trainings".

Grundlage dieser Therapiekonzepte ist eine neuropsychologische Diagnostik, die dem Therapeuten wichtige Informationen über die geistige Leistungsfähigkeit des Patienten liefert. Neben dem Kognitiven Training von Stengel sollen als zweite Säule kognitive Strategien und Mnemotechniken bei der Bewältigung des Alltags helfen. Sie sind Bestandteil des "Übungstransfers in den Alltag" und damit wichtiges Mittel der Rehabilitation von Hirnleistungsstörungen.

Der Kompensation von geistigen Defiziten dienen auch äußere Gedächtnishilfen als dritte Säule, die, zielgerichtet eingesetzt, das Leben der Patienten sehr erleichtern können.

Kognitiv-programmiertes Verhaltenstraining setzt als vierte Säule des Gesamttherapiekonzeptes an zwei Stellen an. Einerseits sollen dem Patienten Verhaltensstrategien an die Hand gegeben werden, die ihm dazu verhelfen, sich selbst beim Denken und Problemlösen zu bestärken. Andererseits werden nach einer Lebensraumanalyse auch ganz konkrete Verhaltensweisen und im prozeduralen Gedächtnis gespeicherte Fähigkeiten und Fertigkeiten geübt, die für das Alltagsleben sehr wichtig sind.

Bestimmend für das tägliche Leben ist jedoch vor allem auch der Umgang der Angehörigen mit dem Patienten. Neben der Aufklärung der Angehörigen über Symptomatik und Art der Hirnleistungsstörung der von ihnen zu betreuenden Person gehört auch die Anleitung für denkbestärkendes Verhalten der Angehörigen gegenüber dem Patienten (z.B. "geistig aktivierende Gesprächsführung") unabdingbar zum therapeutischen Gesamtkonzept. Eine kompetente Angehörigenberatung und -anleitung - als Fünfte Säule - ist oftmals Vorbedingung dafür, dass therapeutische Erfolge über längere Zeit erhalten werden können.

Das beschriebene Konzept der "Fünf Säulen des Kognitven Trainings" zur Therapie und Rehabilitation von Hirnleistungsstörungen wurde entwickelt, um die geistige Leistungsfähigkeit von Patienten und damit ihre Handlungs- und Beziehungsfähigkeit zur Umwelt wiederherzustellen bzw. zu bessern. Es bildet die Grundlage von zertifizierten Weiterbildungen in Kognitivem Training, die nach von Dr. med. F. Stengel autorisierten Curricula an der Akademie für Gedächtnistraining unter ärztlicher Leitung durchgeführt werden. Es wird inzwischen von Ärzten, (Neuro-)Psychologen, Therapeuten (z.B. Ergotherapeuten, Logopäden) und therapeutisch tätigen Pflegekräften im gesamten deutschsprachigen Raum mit großem Erfolg eingesetzt.

 

Literatur bei der Verfasserin

Dr. med. Sabine Ladner-Merz

Ärztliche Leiterin der Akademie für Gedächtnistraining nach Dr. med. F. Stengel

Vaihinger Landstr. 63, 70195 Stuttgart

Tel.: 0711 / 69 79 807, Fax: 0711 / 69 79 808

eMail: info@akademie-gedaechtnistraining.de

 

 

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