Ausgabe 03/1999 

   

Dr. Daniel Meynen

 

Bildung im Alter – wozu?

Erfahrungsbericht aus dem Aufbau einer Hochschule von Älteren für Ältere 

Abseits der großen Städte ist in den letzten Jahren im südlichen Baden zwischen Freiburg und Basel eine neuartige Hochschule entstanden, ein Studienkolleg, das Ältere für Ältere errichtet haben. Wie kam es dazu? Was treibt die Studierenden an diese Hochschule? Warum halten es die Initiatoren für sinnvoll, größere Summen in die Bildung von Älteren zu investieren? Für wen, für was lohnt sich diese Investition? Was hat sich bewährt?

 

Am Anfang stand ein Maleratelier.

Am Anfang stand ein Atelier, das ein Maler für naturwissenschaftliche und kunstphilosophische Symposien öffnete. Als die Veranstaltungen immer zahlreicher von Älteren besucht wurden, schlug ein Teilnehmer vor, sie auszubauen und daraus eine Seniorenhochschule zu machen. Das war vor fünf Jahren. Inzwischen schrieben sich die ersten Studierenden ein, das Studiengebäude wurde errichtet, 1997 wurde es in Anwesenheit des Wissenschaftsministers von Trotha eröffnet. Und im Juli 1999 haben die ersten Absolventen der Hochschule nach dreijährigem Studiengang die Hochschule verlassen. Während die Älteren an den normalen Hochschulen den Status eines Gasthörers haben, sind sie hier die ordentlichen Studierenden und die Jüngeren ihre Gäste.

 

Erfolgsbedingungen

Warum konnte das Projekt gelingen? Die Hochschule ist gewachsen, nicht am grünen Tisch entstanden. Im Rückblick spielten eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle: Ein Künstler, der den Anstoß gab und die Hochschule wie ein Kunstwerk gestaltete; ein Wirtschaftsführer, der die Idee hatte und dank seiner Umsicht zum Weitermachen riet, als die schier unüberwindlichen Schwierigkeiten jeden anderen zum Aufgeben veranlaßt hätten; drei Dozenten, die die Unsicherheiten und die enormen Belastungen des Anfangs auf sich nahmen; 50 begeisterte ältere Studierende, die nicht nach der staatlichen Anerkennung, sondern nach der Qualität des Studienangebotes fragten; eine Mäzenin, die, von der Sache überzeugt, den Anfang großzügig sicherte und den Gestaltern freie Hand ließ.

Die Hochschule finanziert sich zu einem Drittel durch Studiengebühren und zu zwei Dritteln aus Spenden und mäzenatischen Zuwendungen. Ein Hochschulrat, dessen Mitglieder nicht der Hochschule angehören, wacht über der Qualität des Studienbetriebes. Das Wichtigste aber ist, daß hier nicht Jüngere für Ältere, sondern die Älteren selbst die Initiative ergriffen und jeder jedem in seinen schwachen Stunden Mut machte.

Die Hochschule ist bisher einzigartig. Die Initiatoren verstehen sie als Modell für Einrichtungen an anderen Orten, die vielen Älteren zugute kommen sollen. Die praktische Realisierung des Projektes verlangt jedoch die Diskussion einer ganzen Reihe von theoretischen Fragen.

 

Warum wollen sich Senioren wissenschaftlich weiterbilden?

Immer mehr ältere Menschen studieren an den deutschen Hochschulen. Nach einer Erhebung von Saup, Schaufler und Schröppel belief sich ihre Zahl für das Jahr 1993  auf 25.000 und sie wächst rapide. An die Stelle der Fernostreise tritt zunehmend  das Entdecken der inneren Kontinente im Studium der Geschichte, der Kunst oder der Philosophie.

Auf die Frage nach ihren Studienzwecken erhält man von den Altstudenten häufig Antworten wie: "Ich empfinde nach dem Ausscheiden aus dem Beruf das Bedürfnis nach einer Neuorientierung". "Ich bin auf der Suche, ich weiß selbst noch nicht wonach. Ich empfinde es als eine einmalige Chance, mich noch einmal neu orientieren zu können". "In meiner Jugend hatte ich keine Studienmöglichkeit". Die meisten Älteren wehren sich gegen eine Verzweckung ihres Studiums. "Ich verfolge kein bestimmtes Studienziel. Ich bilde mich nicht für andere, sondern primär für mich selbst." "Wenn man 30 oder 40 Jahre lang für andere gearbeitet hat, will man endlich etwas für sich selbst tun ohne schlechtes Gewissen". "Ich habe den Eindruck, das Leben ist in den letzten Jahren an mir vorbeigegangen. Ich habe etwas nachzuholen." "Die moderne Welt wird entscheidend von der Naturwissenschaft und von der Ökonomie geprägt und ich habe keine Ahnung davon. Das ist doch eine Schande. Das kann doch nicht gut sein."

 

Warum sollen private oder öffentliche Geldgeber in die wissenschaftliche Weiterbildung von Älteren investieren?

Vorweg gesagt: Mit einer Seniorenhochschule läßt sich auf kürzere wie längere Sicht kein Geld verdienen. Gewinn abwerfende Gebühren würden so hoch sein, daß sie niemand bezahlen könnte.

Wer desungeachtet die entscheidende Frage stellt, warum das Seniorenstudium privat und öffentlich förderungswürdig ist, findet keine fertigen Antworten. Denn wie soll man erklären, daß es gesellschaftlichen Sinn macht, in die Bildung von älteren Menschen zu investieren, wenn diese sich erklärtermaßen keinem äußeren Zweck unterwerfen und vorrangig dem eigenen Interesse folgen wollen. Kürzer gefragt: Was für einen Nutzen hat die Gesellschaft von diesen sich bildenden Senioren?

 

Die Rolle der Älteren

Die Antwort kann nur von solchen gesellschaftlichen Aufgaben ausgehen, die ausschließlich von Senioren übernommen werden können. Im jüngeren Erwachsenenalter geben wir Menschen der nachfolgenden Generation das Leben weiter, im späteren Alter die Welt, die wir ererbt und uns eingerichtet (oder geschädigt) haben: Wir geben unsere Kultur weiter. Jede Gesellschaft ist darauf angewiesen, unter allem Wandel und Fortschritt Identität und Kontinuität zu wahren. In diesem Kontext lassen sich die Aufgaben der Älteren gegenüber den Jüngeren dreifach bestimmen:

     

  • Sie haben den materiellen und finanziellen Transfer an die Jüngeren zu sichern, d.h. sie vererben Sach- und Vermögenswerte
  • Sie gewährleisten den kulturellen Transfer, d.h. sie geben bewährte Erfahrungen und Verhaltensformen weiter
  • Sie vollziehen den ethisch-geistigen Transfer, d.h. sie geben die Werte weiter, an denen das Gemeinwesen seine geistige Identität festmacht

 

Dabei wird dem kulturellen und ethisch-geistigen Transfer heute weit weniger Bedeutung beigemessen als ihm tatsächlich zukommt. Mit den Worten eines Landesseniorenrates: "Für viele öffentliche Probleme wäre es von großem Wert, urteilsfähige ältere Bürgerinnen und Bürger zu haben. Weit über die ethischen Fragen im engeren Sinn hinaus (Sterbebegleitung, Schwangerschaftsabbruch, "sozialverträgliches Frühableben", Bioethik etc.) könnten Stellungnahmen erarbeitet und Gutachten erstellt werden."

Man sagt, das Gemeinwohl habe keinen Anwalt. In einer Gesellschaft, in der das Alter sozial gesichert ist, wären die Älteren frei, diese Rolle der Lobby für das Gemeinwohl zu übernehmen.

 

Der Weiterbildungsbedarf der Älteren 

Hierzu benötigen Ältere vor allem Kommunikationsfähigkeiten und Bildung. Ältere sollten sich nicht nur technisch mit den verschiedenen Kommunikationssystemen zurechtfinden können. Wichtiger ist, die nachlassenden Wahrnehmungs- und Kontaktfähigkeiten zu stärken, auf andere -  Jüngere wie Ältere  - zugehen, die Angst vor dem Fremden verlieren und soziale Netze knüpfen zu können. Bereits das ständige Bemühen um Bildung, unabhängig von praktischen Zwecksetzungen, ist ein Wert an sich, der der Weitergabe an die Jüngeren würdig ist. Wie sollen sich Ältere ohne Weiterbildung im politischen Raum artikulieren können? Kommt den Seniorenräten nicht deswegen de facto (noch) so wenig Bedeutung zu, weil viele nicht (mehr) gewohnt sind, sich in Kontroversen schriftlich oder mündlich öffentlich zu äußern? Wer als Senior in akuten Fragen der Gesellschaft wie denen der Energie oder der Sparmaßnahmen den Jüngeren Gesprächspartner sein und selber mitentscheiden will, braucht Problemkenntnisse und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Oft wird die Rolle der Älteren mit ihrem Erfahrungswissen zusammengebracht. Viele Ältere erleben ihr Altwerden jedoch als einen Prozess, in dem ihre Erfahrung ständig weniger gefragt ist. Wenn ältere Menschen ihre Urteilsfähigkeit in öffentlichen Fragen behalten wollen, müssen sie sie durch Weiterbildung erneuern. Das ist der entscheidende Punkt.

 

Wie sieht das Studienmodell aus? - Die praktischen Konsequenzen

Bildung im Alter wird in Holzen als die Chance verstanden, nach den Jahren der Berufs- oder Familientätigkeit mit Hilfe von Kunst und Wissenschaft noch einmal eine radikale Lebens- und Sinnorientierung vorzunehmen, um sich selbst, die Gesellschaft und die Welt zu verstehen und entsprechend handeln zu können.

Die Studiengruppe

Individualbildung und Gemeinschaftsbildung sind dabei unlösbar miteinander verbunden. In Holzen studiert man in kleinen Studiengruppen von ca. 15 Personen, die, ohne sich vorher gekannt zu haben, drei Jahre zusammen bleiben. Schon das ist ein Abenteuer. Ihre Hochschule ist ihnen nicht das Gebäude, sondern diese Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden. Zugelassen wird jeder, der bereit ist ein Probetrimester auf sich zu nehmen.

 

Das Studienjahr

Den Veranstaltungen der  Hochschule liegt ein Studienplan zugrunde, der sich an alten abendländischen Vorbildern orientiert. Geistige Bildung ist nicht ohne körperlich-seelische zu haben. 

Das Studienjahr umfaßt 3 Trimester à 8 Wochen. 

Gelehrt werden Bildende Kunst, Natur-, Literatur-, Politikwissenschaft, Wirtschaftsethik und Philosophie. Die Fächer werden interdisziplinär, d.h. ständig aufeinander bezogen unterrichtet. Das besondere Interesse gilt in allen Fächern der Ästhetik, d.h.den Wahrnehmungsfragen. Die Lehrveranstaltungen bestehen aus Vorlesungen, Seminaren, Übungen und Exkursionen.

Wer in Holzen studiert, muß bereit sein, sich vor eine Staffelei zu stellen, auch wenn er noch nie davor gestanden hat und großflächig zu malen. Grundlagen der Atomphysik und Biogenetik gehören ebenso zum ordentlichen Pensum wie die Philosophien der Gegenwart. Um keine Einseitigkeiten entstehen zu lassen, werden allwöchentlich Gastdozenten zu öffentlichen Vorlesungen eingeladen, die für jeden Interessierten zugänglich sind.

Qualifizierung für nachberufliche Tätigkeiten

Die Wahl von nachberuflichen Tätigkeiten kann im Holzener Studienmodell nicht am Anfang stehen. Diesbezügliche Festlegungen gehen dem Studium in der Regel nicht voran, sondern aus ihm hervor. Diese Qualifizierungen haben - das ist ein Holzener Spezifikum - kulturellen Charakter, d.h. wer Holzen mit einem Zertifikat verläßt, soll in der Lage sein, Seniorenräte, kulturelle Vereine, Initiativen oder Kommunen in Fragen der Kultur beraten zu können. So hat von den diesjährigen Absolventen einer die ehrenamtliche Leitung eines Umweltschutzvereins übernommen, eine Musikerin hat einen Chor gegründet, eine frühere Sekretärin engagiert sich in ihrer Heimatstadt  als Stadtführerin und ein Antiquitätenhändler wird von den Volkshochschulen als Dozent umworben.

Für sie alle bestätigen sich die Sätze von Simone de Beauvoir: 

"Wollen wir vermeiden, daß das Alter zu einer spöttischen Parodie unserer früheren Existenz wird, so gibt es nur eine einzige Lösung, nämlich weiterhin Ziele zu verfolgen, die unserem Leben einen Sinn verleihen: das hingebungsvolle Tätigsein für einzelne, für Gruppen oder für eine Sache, Sozialarbeit, politische, geistige oder schöpferische Arbeit. Im Gegensatz zu den Empfehlungen der Moralisten muß man sich wünschen, auch im hohen Alter noch starke Leidenschaften zu haben, die es uns ersparen, daß wir uns nur mit uns selbst beschäftigen. Das Leben behält einen Wert, solange man durch Liebe, Freundschaft, Empörung oder Mitgefühl am Leben der anderen teilnimmt. Dann bleiben auch Gründe, zu handeln oder zu sprechen."

 

Dr. Daniel Meynen

Hochschule Holzen

Kirchstraße 8

D-79400 Kandern-Holzen