Ausgabe 01/1999

 

Dr. Eva Gösken

Trauern - einen heilsamen Umgang mit Trennungen, Verlusten und Abschieden finden

 

Trauer begleitet unser ganzes Leben

Wenn wir an Trauer denken, so denken wir zunächst meist an den tiefen Schmerz, der mit dem Tod eines geliebten Menschen verbunden ist. Der Tod eines anderen ist die radikalste Form der Trennung, die wir erfahren und erleiden. Aber wir erleben ‚Sterben‘ auch in vielfältigen anderen Formen immer dann, wenn wir einen Verlust erleiden, wenn wir uns von etwas oder jemandem trennen oder Abschied nehmen müssen.

Die Erfahrung, daß das Leben von Trennungen und Abschieden geprägt ist, gehört vom Beginn des Lebens an zu den leidvollen Erfahrungen des Menschen. Der Psychoanalytikerin Melanie Klein zufolge bedeutet jede Trauer ein Wiederaufleben der ursprünglichen Trauer, die mit der ersten Trennung von der Mutter verbunden ist. Ähnlich sieht der Begründer der Bindungstheorie John Bowlby den Schlüssel zum Verständnis der Trauer in der Trennungsangst früher Kindheitsjahre. Wann immer wir später Trennungen erleben - von Freunden, Partnern, von Kindern beim Verlassen des Elternhauses etc. - jedes Mal werden frühere Trennungen ins Bewußtsein zurückgerufen und frühere Schmerzen reaktiviert.

Das gilt auch für andere Traueranläße: Wir trauern beim Verlust des Arbeitsplatzes, beim Umzug aus einer vertrauten Wohnung und Nachbarschaft; der Kranke trauert um den Verlust seiner Gesundheit und Vitalität, der alternde Mensch vielleicht um den Verlust von Jugend, Schönheit und Zukunft. Besonders schwer fällt es oft, Ideale aufgeben zu müssen oder Abschied zu nehmen von unerfüllten Hoffnungen und ungelebtem Leben.

Verena Kast hat den Begriff der „abschiedlichen Existenz“ geprägt und drückt damit die Erkenntnis aus, daß unser Leben einem ständigen Prozeß der Entwicklung und Veränderung unterworfen ist, daß Abschiednehmen und Loslassen darum lebensnotwendig sind, um nicht im Alten zu erstarren und Entwicklung zu blockieren. Werden und Vergehen sind ein Urgesetz des Lebens, und es ist eben unsere Trauerfähigkeit, die uns ermöglicht, uns in diesen natürlichen Kreislauf einzupassen: Trauer ist die „spontane, natürliche, normale und selbstverständliche Reaktion unseres Organismus, unserer ganzen Person auf Verlust, Trennung und Abschied“ (Canacakis, 1990, S. 24)

 

Trauer erfaßt den Menschen ganz

Trauer ist eine normale Erscheinung, die zu unserem Leben gehört; nichtsdestoweniger sind Verluste und Trennungen aber oft ernste Krisensituationen. Trauer erfaßt den ganzen Menschen, sie manifestiert sich auf der Ebene des körperlichen Befindens, des Fühlens, des Denkens und des Verhaltens.

Einige Symptome auf der körperlichen Ebene sind Schmerzen im ganzen Körper, Atembeschwerden, Herzbeschwerden, Verdauungs- und Appetitstörungen, Schlafstörungen sowie erhöhte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Auf der Gefühlsebene können eine Fülle von Emotionen aufbrechen: neben Traurigkeit auch Zorn, Wut, Haß, Schuldgefühle, Angst, Sehnsucht, Hilflosigkeit, Einsamkeit, ebenso wie Gefühle der Liebe und Dankbarkeit. Auf der kognitiven Ebene können Ungläubigkeit, Nichtwahrhaben-Wollen, Verwirrung, Konzentrationsschwäche, Retardierungen im Denken, anhaltendes Grübeln, manchmal Halluzinationen auftreten, auf der Verhaltensebene sowohl Überaktivität und Ruhelosigkeit wie auch Apathie, eine Reduzierung aller Aktivitäten oder soziale Rückzugstendenzen, um nur einige Erscheinungs- und Ausdrucksformen der Trauer zu nennen.

Jeder Mensch trauert anders. Trauerreaktionen und -verläufe hängen von vielen Faktoren ab: der Art und Qualität der Beziehung, den Umständen des Verlustes - war der Tod eines Menschen z.B. erwartet oder unerwartet, natürlich oder Folge eines Unfalls, Selbstmordes oder Verbrechens -, von früheren Verlust- und Trauererfahrungen, von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, von sozialen Variablen wie ethnischer und religiöser Zugehörigkeit und nicht zuletzt von den Reaktionen der Umwelt, der Verwandten und Freunde. Das Wissen um große individuelle Unterschiede in den Trauerreaktionen sollte uns vorsichtig machen im Bezug auf Aussagen darüber, was „normales Trauern“ ist und wie lange Trauer dauern darf.

Trotz der Fragwürdigkeit allgemeinverbindlicher Aussagen über Trauerverläufe haben viele Autoren (Bowlby, Parkes, Spiegel, Kast, Petzold u.a.) Phasenmodelle für den Trauerverlauf entwickelt. Parkes und Bowlby unterscheiden z.B. vier Phasen:

1. Die Phase der Betäubung, in der der Trauernde den Verlust noch nicht wahrhaben will und unfähig ist, ihn zu realisieren.

2. Die Phase der Sehnsucht, in der starke Emotionen aufbrechen und der Trauernde intensiv nach der verlorenen Person (oder Sache) sucht.

3. Die Phase der Desorganisation und Verzweiflung, die oft mit Gefühlen der Depression und Sinnlosigkeit einhergeht. Der Trauernde löst sich allmählich unter großem Energieaufwand aus seiner „libidinösen Bindung“ an „das geliebte Objekt“, wie Freud den Prozeß der Trauerarbeit beschreibt.

4. Die Phase der Reorganisation umfaßt eine allmähliche Neudefinition des Selbst und Neuformung innerer Vorstellungsmodelle und eine Anpassung an ein Leben ohne den Verstorbenen oder das Verlorene (vgl. Bowlby, 1991).

 

Wir leben in einer trauerarmen Kultur

Die Fähigkeit zu trauern ist uns als Disposition angeboren. Sie muß aber, wie jede Anlage, im kulturellen Kontext entfaltet werden. Hier stoßen wir zu einem Kernproblem vor. Unsere Kultur ist eine trauerarme Kultur: Tabuisierung von Tod und Trauer, die Unterdrückung und Normierung von Emotionalität, die Auflösung stützender sozialer Bezüge im gesellschaftlichen Prozeß der Individualisierung, das Fehlen von Zeiten und Räumen sowie von Formen und Ritualen, die Trauernde in ihrem Trauerausdruck unterstützen könnten, erweisen sich als Erschwernisse oder Hinderungsgründe für das Durchleben und den Ausdruck von Trauer.

Für Erwachsene besteht ein hoher Druck, schnell wieder zu funktionieren und, wenn überhaupt, dann im stillen Kämmerlein allein und unbemerkt zu trauern. Für Kinder bedeutet das, daß sie keine Modelle heilsamen lebendigen Trauerns erlernen können. Im Gegenteil werden ihre Gefühle von Trauer, Wut, Enttäuschung, Angst, Alleinsein oft weggetröstet oder unterdrückt: „Jungen weinen nicht“, „Sei keine Heulsuse“, „Ist doch alles halb so schlimm“. Sie können die Sätze beliebig ergänzen aus Ihren Erinnerungen.

Ungelebte und unausgelebte Trauer verschwindet aber nicht einfach, ebensowenig wie die Zeit die Wunden heilt, vielmehr setzt sie sich als lebenshindernde Blockade im Körper fest. Destruktive Folgen der Vermeidung, Verdrängung oder Verleugnung sind z.B. Anästhesierung (Betäubung, Fühllosigkeit), körperliche und psychische Krankheiten, Hemmungen der Lebensentwicklung, die sich äußern können in Lebensunlust, Kontakt- und Kommunikationsarmut, Gefühlen von Sinnlosigkeit sowie in einer Verarmung der Expressivität und Kreativität. Weitere mögliche Folgen sind Süchte wie Drogen-, Alkohol- oder auch Arbeitssucht (vgl. Canacakis 1990, S. 28).

Die Einsicht, daß unverarbeitete Trauer nicht nur destruktive Konsequenzen auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene hat, verdanken wir u.a. den Schriften des Ehepaares Mitscherlich, in denen sie die Folgen unserer kollektiven Unfähigkeit untersucht haben, die Ereignisse des Dritten Reiches zu betrauern. Ohne ihre Thesen hier darstellen und das Thema aufrollen zu wollen, möchte ich darauf verweisen, daß offenbar heute, nach einer „Latenzzeit“ von mehr als 50 Jahren, eine versöhnlicher gefärbte Annäherung an das Thema möglich zu werden scheint (vgl. z.B. Moser, 1993).

Trauernde begleiten

Die frühe Entfremdung von unseren Trauergefühlen hat zur Folge, daß wir im aktuellen Trauerfall meist in große Hilflosigkeit stürzen. Wir reagieren angstvoll, wenn Trauer, Wut, Schuldgefühle oder Verzweiflung uns zu überschwemmen drohen. Erschwerend kommt hinzu, daß nahestehende Menschen oft ebenso hilflos sind und sich aus Unsicherheit entweder von dem Trauernden zurückziehen oder ihn behandeln wie ein unmündiges Kind, das man mit Ratschlägen überhäuft.

Trauernde Menschen zu begleiten, bedeutet aber vor allem, ihnen Raum, Zeit, Unterstützung und Anteilnahme anzubieten, um ihre Trauer wirklich durchgehen zu können. Es geht nicht darum, Trauer loszuwerden, sondern sie zuzulassen und ihren Ausdruck zu fördern, so daß sie als ein schmerzliches, aber gleichwohl heilsames lebensförderndes Gefühl des Loslassens und Abschiednehmens erfahren werden kann.

- Um Trauer wirklich zu durchgehen, braucht der Trauernde Zeit. Für Trauernde gehen die Uhren anders als für andere Menschen. Sie können nicht so schnell zurückkehren in ihren Alltag, wie die Umgebung es sich vielleicht wünscht. Aussprüche wie: „Jetzt müßtest Du aber langsam darüber hinweg sein“, „Das Leben geht schließlich weiter“ oder ähnliche sind inhuman, denn sie verweigern dem Trauernden den dringend benötigten Schutzraum für seinen Schmerz und seinen allmählichen Loslösungsprozeß. Und der kann bei dem einen Monate, bei dem anderen Jahre dauern.

- Was der Trauernde braucht, ist jemand, der ihn begleitet und ihn spüren läßt: Ich sehe dich in Deinem Kummer. Du darfst zeigen und sagen, was du fühlst. Ich bin bereit, deine Trauer und deinen Schmerz mitzufühlen, ebenso wie deine Angst, deine Wut und Verzweiflung. Ich höre dir zu, wenn du über den Menschen sprechen möchtest, den du verloren hast. Ich weiß, daß du vielleicht sehr oft wiederholen mußt, was geschehen ist, damit du allmählich die Realität des Verlustes begreifen kannst.

- Hilfreich für den Trauernden sind oft körperliche Berührung, Wärme und Halt. Sie erleichtern nicht nur den Ausdruck des Schmerzes, sie schaffen auch eine unmittelbare Zwischenleiblichkeit, deren Trauernde und besonders Sterbende bedürfen.

- Es gibt hilfreiche Möglichkeiten, Trauer auszudrücken und zu gestalten. Begleiter können Trauernde anregen, ihre Trauer in Musik, Worten - vielleicht einem Brief an den Verstorbenen -Farben, Formen zu gestalten, ohne sie allerdings dazu zu drängen. Vielleicht hören sie auch gemeinsam mit dem Trauernden eine Musik, in der er seine Gefühle wiederfindet, lesen gemeinsam Gedichte oder Texte oder gestalten einen Ort der Erinnerung. Oft empfinden Trauernde auch, wenn der erste Schmerz verklungen ist, schöne Dinge als tröstlich. Ein Strauß Blumen, ein Zweig, kleine Dinge, die den Sinnen wohltun, können helfen, allmählich wieder an einer Welt außerhalb des eigenen Schmerzes teilzuhaben.

- Begleiter sollten nicht warten, bis ein trauernder Mensch um Hilfe bittet, dazu fehlt ihm oft die Kraft. Es ist eine wohltuende Erfahrung, daß jemand einfach von sich aus Zeit und Hilfe anbietet - für alltägliche Verrichtungen, Ämtergänge, Einkäufe, Kochen oder um für die Kinder zu sorgen, die oft in Trauerzeiten besonders leiden, deren Trauer aber allzu leicht übersehen wird.

- Jeder von uns hat Vorstellungen davon, was dem anderen hilfreich sein könnte. Wir sind aber in unserer eigenen Person und Vorstellungswelt gefangen, die uns eventuell hindern zu hören und zu sehen, was der andere braucht. Wirkliches Hinhören und Hinspüren sind Grundformen zärtlicher Zuwendung, die wir in der Begegnung mit Trauernden üben können.

- Zum genauen Hinhören und -spüren gehört auch, genau zu klären, für wen oder was der Betroffene trauert und für welchen Zeitpunkt die Trauer gilt. Sehr häufig mischt sich in die aktuelle Trauer früherer unverarbeiteter Trauerschmerz. Es besteht die Gefahr, daß der Trauernde dann in ein Chaos von Gefühlen gerät. Der Begleiter kann dieser Gefahr vorbeugen, indem er immer wieder Bezug auf die aktuelle Situation nimmt und dem Trauernden so hilft, nicht „abzugleiten“.

- Bei dem, was Begleiter tun, müssen sie auf ihre eigenen Grenzen achten und ihre eigene Belastbarkeit im Auge haben. Niemand sollte mehr tun, als er kann - mit dieser Achtsamkeit für sich selbst erspart er dem Trauernden, Sorge für seine Helfer tragen zu müssen und ein schlechtes Gewissen zu haben, daß er ihnen vielleicht zu viel zumutet.

 

Das Trauerumwandlungsmodell „Myroagogik“

Es gibt inzwischen verschiedene Modelle der Trauerberatung und -therapie (vgl. z.B. Worden, 1986, Jerneizig, R. u.a., 1991, Kast, 1982), die hier nicht im einzelnen dargestellt werden können. Vorstellen möchte ich Ihnen das Modell, das meiner eigenen Trauerbegleitarbeit zugrunde liegt, das von Jorgos Canacakis entwickelte Modell „Myroagogik“, ein kreatives Interventionsmodell für Trauerkrisen.

Der Begriff „Myroagogik“ verweist auf das altgriechische Wort ‚myrome‘, was bedeutet: fließen, weinen, klagen. Es geht in diesem Modell darum, heilsame Wege des Trauerns in Gemeinschaft mit anderen Trauernden zu gehen und blockierte Trauer „ins Fließen“ zu bringen, so daß die enormen Energien, die in blockierten Trauergefühlen gebunden sind, frei werden für Prozesse des Loslassens, Abschiednehmens und der Neuorientierung.

Grundlegend für den Ansatz ist die Erkenntnis, daß Trauer Mittel und Wege des Ausdrucks braucht. Im Durchgehen der Trauer unter Bedingungen, die Sicherheit, Schutz und liebevolle Anteilnahme gewähren, können Schmerz, Wut, Vorwürfe, Schuldgefühle, Zuneigung und alle Gefühle mit Hilfe verschiedener Medien ausgedrückt werden, so daß Starre, Fühllosigkeit und andere Abwehrformen der Trauer unnötig werden. Ein klar strukturierter Ablauf und kreativer Ausdruck schützen vor Überflutung durch vielleicht als chaotisch empfundene Emotionen. Am Ende des gemeinsamen Trauerweges ist es möglich, in heilsamer Weise Abschied zu nehmen. So können Symptome lebenshindernder Trauer in einen fließenden lebensfördernden Trauerausdruck umgewandelt werden.

Mit Hilfe verschiedener Elemente wird das Fließen der Trauer ermöglicht und gefördert.

1. Verlebendigung des Leibes

Der Leib ist der „Ort“, an dem alle alte und aktuelle Trauer inkorporiert“ ist. Über den Leib können wir Kontakt mit ihr aufnehmen, vom Leib kann und muß sie ausgedrückt werden. Atemarbeit, Ausdruck mit der Stimme, Bewegung und Tanz sind Elemente, um in Berührung mit der Trauer zu kommen. Ein wichtiges Element ist auch die Verlebendigung der sinnlichen Wahrnehmung, denn oft ziehen Trauernde ihre Sinne ein und geraten damit in die Gefahr der Erstarrung und Fühllosigkeit. Körper- und Bewegungsübungen, Riechen, Tasten, Schmecken, Musik, Gongarbeit, Berührungen und Natur-Erlebnisse unterstützen diese Wiederbelebung der Sinne.

2. Erinnerungen aktivieren

In der Erinnerungsarbeit mit Hilfe von Imaginationen oder Körperarbeit werden zurückliegende Trennungen und Verluste herausgearbeitet, die noch ein Loslassen und Abschiednehmen erfordern. Die erinnernde Re-aktivierung alter Trauer hilft, Trauerblockaden zu erkennen und zu lösen.

3. Rituale als strukturierte Heilmethode

Rituale definiert Canacakis als „festgelegte Formen, die das Handeln strukturieren, sowohl für eine Gruppe wie auch für den einzelnen. Sie regeln und ordnen die Begegnung mit sich selbst, mit anderen, mit dem Numinosen (...) in seinen vielseitigen und komplexen, oft unsichtbaren, nicht jederzeit fühlbaren Zusammenhängen.“ (Canacakis, 1987, S. 89) Im Leben einer Gemeinschaft sorgen Trauerrituale für Entlastung durch ordnende Strukturierung des Trauererlebens. Sie ermöglichen u.a. den Ausdruck des Trauerschmerzes, die Gliederung des Trauerablaufs, die zeitliche Begrenzung mancher Phasen, die Klärung der Beziehung zu dem Toten wie zur Gemeinschaft der Lebenden (vgl. ebd., S. 87).

Im Alltag unserer Kultur fehlen oft lebendige Rituale. Im Trauerumwandlungsmodell Myroagogik wird darum ein Raum für die Erschaffung neuer Rituale bereitgestellt. Sie werden als strukturierte Heilmethode eingesetzt. Die Ritual-Elemente Regelhaftigkeit, Struktur, Steuerbarkeit, Kontrollierbarkeit, Begrenzung bieten Schutz und Halt. Dieser sichernde Rahmen setzt Energien frei, die nicht für die Flucht vor aufbrechenden Emotionen verwendet werden brauchen.

Es wird nicht auf überlieferte Rituale zurückgegriffen, sondern ein Raum geschaffen, in dem lebendige Rituale neu entstehen können, etwa um der Klage um Verlorenes Ausdruck zu geben oder den Abschied zu gestalten, aber auch, um Quellen eigener Kraft und Lebendigkeit zu erleben oder, etwa im gemeinsamen Singen oder Tanzen, die tragende oder stützende Kraft der Gemeinschaft zu spüren.

4. Synergie erfahren

Eine der Gefährdungen heilsamer Trauer liegt in ihrer Verbannung ins „stille Kämmerlein“. Trauer aber will gesehen, gehört, akzeptiert und verstanden werden. Sie benötigt Resonanz. In Trauergruppen und Seminaren wird ein tragfähiges Netz geknüpft, in das jeder Trauernde eingebunden ist. In der Gemeinschaft ist der Weg durch die Trauer weniger bedrohlich. Zugleich erwächst aus der wechselseitigen Anteilnahme, Fürsorge und Einfühlung eine Kraft, die in der Verbundenheit wurzelt und die im systemischen Denken als Synergie bezeichnet wird: Wir kommen nämlich, eingebunden in ein Netzwerk nicht nur mit dem Leiden anderer in Berührung, sondern auch mit ihrer Kraft, so daß aus der geteilten Trauer oft Trost, Mut und Vertrauen wachsen können und darüber hinaus ein tiefes Gefühl der Verbundenheit und Verantwortung für das gefährdete Leben selbst entsteht, so daß die eigene Trauer oft eine ökologische und spirituelle Dimension erhält.

5. Abschied nehmen

Wenn der schmerzvolle Weg durch die Trauer gegangen ist, so entdecken wir das Licht am Ende des Tunnels. In der Wortverbindung ‚Abschied nehmen‘ ist das Wissen enthalten, daß wir in der Trauer nicht nur etwas verabschieden, sondern daß ein bewußt gelebter Abschied uns bereichert. Viele Trauernde berichten, daß sie durch ihre Trauer reifer, lebendiger, bewußter und kreativer geworden sind.

Und wir ahnen, daß auch der Sterbeprozeß ein solcher Prozeß der Intensivierung des Lebens zu sein vermag.

„Wäre es möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, (...) vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt“ (Rainer Maria Rilke)

 

Eva Gösken, Jahrgang 1956, Diplompädagogin, Dr. phil., Kunsttherapeutin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Weiterbildenden Studium für SeniorInnen an der Universität Dortmund. Ausbildung zur Trauerbegleiterin bei Dr. Jorgos Canacakis an der Akademie für menschliche Begleitung in Essen; langjährige Praxis in der Einzelbegleitung von Trauernden und der Leitung von Trauerseminaren sowie Fort- und Weiterbildungen zum Thema Trauer.

Dr. Eva Gösken

Märkische Straße 56

44141 Dortmund

Tel.: 0231 / 52 95 80

 

 

 

Literaturliste

Bowlby, J., Verlust, Trauer und Depression, Frankfurt/M. 1991

Canacakis, J., Ich begleite dich durch deine Trauer, Stuttgart 1993

Canacakis, J., Ich sehe deine Tränen, Stuttgart 1993

Canacakis, J., Auf der Suche nach den Regenbogentränen, Gütersloh 1994

Jerneizig, R. u.a., Leitfaden zur Trauertherapie und Trauerberatung, Göttingen 1991

Kast, V., Trauern - Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, Stuttgart 1982

Mitscherlich, A. / Mitscherlich, M., Die Unfähigkeit zu trauern, München 1967

Moser, T., Politik und seelischer Untergrund, Frankfurt/M. 1993

Spiegel, Y., Der Prozeß des Trauerns - Analyse und Beratung, Gütersloh 1992

Worden, J. W., Beratung und Therapie in Trauerfällen, Bern Stuttgart Toronto 1987