Ausgabe 01/2000  

   

 

Gisela Reuter-Keck 

"Gemeinschaftliches Wohnen im Kloster"

 

Von 1706 an lebten Karmeliter im Kloster, die die Wallfahrer zur Adelheidis-Quelle in Pützchen betreuten. Nach der Säkularisierung wurde das Kloster weltlichen Nutzungen zugeführt, zu Beginn dieses Jahrhundert ging es in den Besitz der Karmelitinnen über. 

 

Anfang 1998 suchten die verbleibenden elf Nonnen einen kleineren Standort und führten die ersten Gespräche mit den Architekten Klaus Fischer und Jürgen von Kietzell. Im September 1998 übergaben die Schwestern das Kloster an die Architektengemeinschaft, zu diesem Zeitpunkt gab es bereits einen festen Kern von 30 Interessenten, die sich seitdem regelmäßig treffen und über 100 Personen, die sich vorstellen können, im renovierten Altbau oder in den geplanten Neubauten zu wohnen.

 

Der Park (ca. 10.000 qm) und der Altbau (ca 3.300 qm, davon 2000 qm für Wohnungen) stehen unter Denkmalschutz. Nach Abschluß aller Arbeiten wird der Park von dann etwa 6.000 qm für alle Bewohner offen sein. Im November 1999 wurde behutsam unter den strengen Augen des Denkmalschutzes mit dem Umbau des Altbaus begonnen. Mit dem Einzug wird Anfang November 2000 gerechnet. Der Baubeginn für die geplanten Neubauten wird sich nach Erteilung aller Genehmigungen wahrscheinlich im Herbst 2000 anschießen.

 

Hinter den alten Klostermauern werden nach Abschluss der Arbeiten ungefähr 100 Menschen leben, generationsübergreifend. 

 

Es wird einen Gemeinschaftsraum und Gästezimmer geben. Im ehemaligen Wirtschaftsgebäude der Schwestern ist ein Café geplant mit der Anbindung an die Fußgängerzone der Karmeliterstrasse, in der ehemaligen Kapelle aus den Siebzigern werden Büros untergebracht. Die Verkehrsanbindung ist sehr gut, alle zehn Minuten fährt ein Bus nach Bonn, in Pützchen selbst findet man alles für den täglichen Bedarf in Laufweite, ebenso das Naturschutzgebiet Ennertpark.

 

Auf der anderen Seite der Fußgängerzone befindet sich eines der Altenheime der Stadt Bonn, in unmittelbarer Nähe ein katholischer Kindergarten und das Mädchengymnasium der Herz-Jesu-Schwestern, in einigen hundert Metern Entfernung eine Grundschule und die Gesamtschule Bonn-Beuel.

 

BAGSO sprach mit einem der beiden Architekten, Jürgen von Kietzell

 

BAGSO: Herr von Kietzell, wann hatten Sie zum ersten Mal den Gedanken an ein Wohnprojekt für Jung und Alt und was reizt Sie als Architekt?

 

v. Kietzell: Eigentlich waren mein Partner Fischer und ich mit unseren Familien auf der Suche nach einem Domizil; wir wollten jedoch nicht in eines der Wohngebiete ziehen, in dem entweder nur junge Familien oder vorwiegend nur alte Menschen leben, sondern in ein von der Altersstruktur durchmischtes Gebiet, was aber nur schwer zu finden ist. Außerdem hatten wir schon in dem Architektenbüro in Köln, in dem wir damals arbeiteten, eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die sich mit neuen generationenübergreifenden Wohnkonzepten beschäftigte. Als wir dann mit den Karmelschwestern in Bonn-Pützchen, die ihr Kloster aufgeben wollten, ins Gespräch kamen, zeigten diese großes Interesse an unseren Ideen, in denen sie eine zeitgemäße Fortführung des Klostergedankens, das Leben in Gemeinschaft, sahen. Sie entschieden sich, ihr Kloster an unser Projekt zu verkaufen.

 

BAGSO: Worin unterscheidet sich Ihre jetzige Arbeit in diesem Projekt von ihrer bisherigen Tätigkeit als Architekt?

 

v.Kietzell: Während wir früher nur für anonyme Nutzer gebaut haben, wissen wir heute, für wen wir planen und beziehen die zukünftigen Bewohner auch in die Planung mit ein, was zwar wesentlich arbeitsintensiver, aber auch viel befriedigender ist. 

 

BAGSO: Das Projekt "Wohnen im Karmelkoster" ist ein riesiges Projekt. Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Realisierung ?

 

v. Kietzell: Nicht nur mein Partner, Klaus Fischer, sondern auch unsere Familien und diejenigen, die schon jetzt an der Realisierung des Projektes arbeiten - zukünftige Besitzer oder Mieter der Wohnungen - sind begeistert von dem Gedanken des gemeinschaftlichen Wohnens und engagieren sich „total“, so dass wir bis jetzt auch alle Schwierigkeiten gemeistert haben. Wir hoffen, dass wir den notwendigen langen Atem aufbringen und es uns gelingt, unsere Gedanken lebendig werden zu lassen und eine Form des Zusammenlebens zu finden, die das Entstehen von Gemeinschaft ermöglicht. Sicher wird es auch Streitigkeiten geben, aber wir sind - auch auf dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen - zuversichtlich, dass wir unsere Kommunikation unter- und miteinander so gestalten, dass wir immer einen gemeinsamen Nenner finden.

Und da Kommunikation zwischen Menschen immer auch einen Raum benötigt, wird es in der ehemaligen Kapelle des Klosters einen 70 qm großen Gemeinschaftsraum geben, in dessen Mitte der Tisch stehen wird, an dem die Karmelschwestern gemeinsam gegessen haben.

 

BAGSO: Wie tragen Sie Ihre Gedanken und Pläne in die Öffentlichkeit?

 

v. Kietzell: Nun, wir veranstalten schon seit einem Jahr regelmäßig Treffen im Kloster, als Informationsabende oder als gemeinsame Sonntagsfrühstücke, bei denen interessierte Menschen sich informieren und kennenlernen können, es gab aber auch schon Vernissagen und Weinproben.

 

BAGSO: Sie haben sich bewußt für ein Konzept des generationenübergreifenden Miteinanderwohnens entschieden. Sind bei Ihrer Planung die spezifischen Wünsche und Bedürfnisse älterer Menschen berücksichtigt?

 

v. Kietzell: Der Wunsch vieler Älterer ist es, möglichst lange in ihrer Wohnung bleiben zu können und nicht in „Seniorenghettos“ zu leben. Als Architekten haben wir die „wohnlichen“ Voraussetzungen für ein Verbleiben in der eigenen Häuslichkeit geschaffen, die Wohnungen sind seniorengerecht und behindertenfreundlich und ohne großen Aufwand auch behindertengerecht zu gestalten. So hoffen wir, dass durch gegenseitige, nachbarschaftliche Hilfe, falls erforderlich auch mit Unterstützung eines professionellen Pflegedienstes, die Älteren möglichst lange in ihrer Wohnung betreut werden können. Außerdem streben wir einen Kontakt zu dem Pflegeheim an, das in unserer unmittelbaren Nachbarschaft liegt.

 

BAGSO: Denken Sie an weitere Projekte dieser Art?

 

v. Kietzell: Ja, natürlich! Wir sind von der Idee des gemeinschaftlichen Wohnens begeistert und haben große Lust ähnliche Projekte zu begleiten. 

 

Gisela Reuter-Keck

Karmeliterstr. 1

53229 Bonn

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