BAGSO Positionspapier zur Solidarität mit älteren Ausländern



"Man suchte Arbeitskräfte, und es kamen Menschen". Sie kamen aus vielfältigen Anlässen. - Bis zum Jahr 2030 wird es in der Bundesrepublik Deutschland ca. 2,8 Millionen ältere Migrantinnen und Migranten geben, überwiegend Arbeitsmigranten. Sie stellen keine homogene Gruppe dar, sondern haben unterschiedliche kulturelle Identitäten und gehören unterschiedlichen Religionen an.

Aus den ehemaligen Gastarbeitern wurden Mitbürgerinnen und Mitbürger, die nach wie vor ihrem Herkunftsland verbunden bleiben, sich aber in Deutschland heimisch fühlen und hier Kinder und Enkel haben. Im Alter haben sie zum Teil Probleme, die denen deutscher Senioren ähnlich sind, aber auch solche, die sich deutlich unterscheiden.

Hier in Deutschland zu arbeiten und dann später den Ruhestand in der Heimat zu genießen, diese Vorstellung hat oft die Berufsjahre begleitet. Eine einstmals fest eingeplante Rückkehr ins Herkunftsland wird bei vielen jedoch zur Illusion, wenn nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben eigentlich die Möglichkeit dazu bestünde, aber die Kinder mit ihren Familien hier arbeiten und wohnen.

Aufgrund der Rückkehrorientierung sind ältere Ausländer eher weniger auf das Alter in Deutschland vorbereitet als Deutsche und kennen sich kaum mit dem Sozialsystem oder gar den Angeboten der Altenhilfe aus. Mangelnde Sprachkenntnisse – insbesondere bei Frauen – schlechter Gesundheitszustand und geringes Einkommen bilden oft zusätzliche Hemmnisse, notwendige Informationen und Beratung einzuholen.

Die jetzt in den Ruhestand gehenden Migrantinnen und Migranten der ersten Generation sind durchschnittlich 62 Jahre alt. Sie sind zwar vielfach stärker eingebunden in ihre Familien, Nachbarschaft, Kulturzentren und Religionsgemeinschaften, haben aber mit dem Ende der Berufstätigkeit oft die Kontakte zu deutschen Freunden und Kollegen verloren. Der Ruhestand wird nicht zur Nationalitäten übergreifenden und damit verbindenden neuen Aufgabe und Chance, sondern erschwert die Kommunikation. Verstärkt wird dieser Effekt durch das Fehlen arbeitsunabhängiger Hobbys und Interessen. Insbesondere für die Männer waren Arbeit und Geldverdienen der beherrschende Lebensinhalt, dessen Wegfall als kaum zu kompensierender Verlust erlebt wird.

Ein weitgehend unbeachtetes Problem ist die Situation vieler verwitweter Migrantinnen, die ihrem Ehemann wieder in die Heimat gefolgt sind. Sie kehren nach seinem Tod vereinsamt nach Deutschland zurück und müssen nun ohne ausreichende Sprachkenntnisse mit schwierigen Lebensverhältnissen zurecht-kommen.

Vermehrt ist auch bei den für ihren Familiensinn bekannten ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein langsames Aufweichen der sozialen Netze zu beobachten. Aktiver Aufbau von Interessen- und Selbsthilfegruppen, gesellschaftliches Engagement und politisches Selbstbewusstsein stellen für ältere Migrantinnen und Migranten – ebenso wie für viele deutsche Seniorinnen und Senioren - eine neue Aufgabe dar, der sie sich stellen müssen.

Die soziale Einbindung älterer Migrantinnen und Migranten bedeutet also eine Herausforderung gerade für die Seniorenverbände, denn ihre Interessen sind auch die Interessen der in der Bundesrepublik Deutschland alt gewordenen Ausländer, die aber nicht über die gleichen Möglichkeiten verfügen, auf ihre Situation und ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen.

Daraus ergibt sich die Verpflichtung, soziale Angebote insbesondere zur Integration pflegebedürftiger Ausländer in das deutsche Altenhilfesystem zu schaffen. Die Einrichtung und Erhaltung von Informations- und Beratungsstellen ist aber bedroht durch die drastischen Kürzungen in den Sozialetats von Ländern und Gemeinden. Davon sind deutsche und ausländische Senioren gleichermaßen betroffen.

Was können Seniorenverbände nun konkret tun, um ältere Migrantinnen und Migranten für ihre Arbeit zu interessieren, sie zur Teilnahme zu ermutigen und sich für eine Verbesserung ihrer Lebenslage einzusetzen?

  • In Verbandsveranstaltungen Themen aufgreifen, die gezielt die Problematik älterer Migrantinnen und Migranten einbeziehen. Durch Informationen und gemeinsame Aktivitäten sollen das gegenseitige Verständnis und ein sensibler Umgang mit kultureller Andersartigkeit gefördert werden.
  • Überprüfen der Rahmenbedingungen der eigenen Verbandsarbeit, wie Angebote und Veranstaltungen auch für ältere Ausländer attraktiv gemacht werden können, um sie möglichst langfristig für die Teilnahme zu gewinnen.
  • Kontaktaufnahme und Kooperation mit kommunalen Einrichtungen, um Informationen über die Situation der älteren ausländischen Mitbürger vor Ort und Hilfestellung zum Aufbau persönlicher und verbindlicher Kontakte zu älteren Ausländern zu erhalten. Diese sind häufig auf eine zugehende, "einladende" Haltung angewiesen.
  • Anhaltende Bemühungen um Beteiligung von Ausländern an den Verbandsaktivitäten, die von der Mitarbeit bei Veranstaltungen und Projekten bis zur Einbeziehung in Verbandsgremien reichen kann. Vorbildhaft ist das Beispiel in Köln, wo seit Jahren ausländische Mitbürger in die Seniorenvertretung gewählt werden.
  • Bekunden der Solidarität mit älteren Migrantinnen und Migranten in Veröffentlichungen und Stellungnahmen.
  • Mit der Einbindung älterer Menschen aus anderen Herkunftsländern in die Verbandsarbeit kann erreicht werden, die Integration auf persönlicher und sozialer Ebene zu fördern. Dabei profitieren alle Beteiligten von einer Erweiterung des kulturellen Horizonts.

Generell gilt, alle Möglichkeiten zu nutzen und gesellschaftspolitisch für eine Verbesserung der Lebenslage älterer ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger einzutreten. Vor allem auf kommunaler Ebene sind folgende Maßnahmen dringend erforderlich:

  • Die Rahmenbedingungen für eine interkulturelle Seniorenarbeit zu verbessern durch Bereitstellung von wohnortnahen Räumlichkeiten sowie professionelle Beratung und Unterstützung bei interkulturellen Begegnungen und der Bildung ethnischer und ethnisch-übergreifender Gruppen.
  • Die Partizipation älterer Ausländer am politischen, rechtlichen und sozialen Leben der Bürgerschaft zu erleichtern durch Unterstützung von Maßnahmen zu ihrer Einbindung in ehrenamtliche Engagementformen vor Ort, Verbesserung ihrer Mitgestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten (z.B. durch den Aufbau von Beteiligungsstrukturen wie runde Tische zur Situation älterer Migranten) sowie Hilfestellung für von ihnen selbst organisierte Gruppen, Kulturzentren, Begegnungsstätten etc.
  • Beseitigung von Benachteiligungen älterer Migrantinnen und Migranten durch eine spezielle Altenpolitik und Maßnahmenplanung. Diese sollte sich darauf richten, den Zugang zu Einrichtungen und Diensten der Altenhilfe zu ebnen, Fortbildungsprogramme zur Förderung der interkulturellen Kompetenz der Mitarbeiter vorzuhalten sowie muttersprachliche Pflege- und Fachkräfte zu beschäftigen.

Zur Durchsetzung der notwendigen Maßnahmen sind Resolutionen an die Kommunal- und Länderparlamente zu formulieren, in denen im Namen aller in der Bundesrepublik lebenden älteren Mitbürger eine gerechtere Verteilung von Leistungen im sozialen  und kulturellen Bereich sowie eine Weiterförderung effektiver Initiativen und Projekte gefordert wird.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen hat sich bereits beim Deutschen Seniorentag 1994 in Wiesbaden solidarisch mit älteren Ausländern erklärt

und sich um ihre Einbeziehung in die Altenarbeit bemüht. Auch mit Blick auf die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Migrations- und Integrationspolitik wird die BAGSO zusammen mit den 80 angeschlossenen Seniorenverbänden dieses Engagement auch in Zukunft fortsetzen.

 

Bonn, 14. August 2003