BAGSO Positionspapier
Anpassung des Wohnumfelds an die Bedürfnisse Älterer
Möglichst lange eine selbständige Lebensführung zu gewährleisten, wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger. Wesentliche Voraussetzungen dafür sind eine barrierefreie Gestaltung des Wohnraums sowie die Anpassung des Wohn-umfelds an die Bedürfnisse Älterer.
Nach dem Eintritt ins Rentenalter können Seniorinnen und Senioren eine Lebens-spanne von 40 Jahren vor sich haben; in diesem Zeitraum ändern sich die Bedürfnis-se. Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Älteren die Selbständigkeit bis zuletzt erhalten kann, steigt mit dem Alter das Risiko der Hilfsbedürftigkeit. Daher müssen auf dem Lande wie in der Stadt die Rahmenbedingungen stimmen, um eine eigen-verantwortliche Lebensführung zu fördern und – je nach Bedarf – die Versorgung mit den notwendigen Gütern und Dienstleistungen zu garantieren.
Die wichtigsten Bedürfnisse, die ältere Menschen in Bezug auf ihr Wohnumfeld ha-ben, sind Erreichbarkeit, Versorgung, Integration und Teilhabe sowie Sicherheit. Die BAGSO fordert die Kommunen auf, die Altersverträglichkeit von Wohnverhältnissen und Infrastruktur zu überprüfen und zum Maßstab der weiteren Entwicklung zu ma-chen. An diesem Prozess wollen Ältere verantwortlich mitwirken.
1. Erreichbarkeit
Eine selbständige Lebensführung bedingt, dass man sich nicht nur mit Lebensmit-teln und anderen Gütern versorgen, sondern auch soziale Kontakte pflegen oder kulturelle Veranstaltungen besuchen kann. Mobilität im Alter bedeutet deshalb nicht nur Lebensqualität, sondern ist ein ganz wesentliches Erfordernis für gesell-schaftliche Teilhabe.
Ältere Menschen legen, auch wenn der Anteil der älteren Autofahrer kontinuierlich steigt, etwa die Hälfte ihrer Wege als Fußgänger zurück. Hier gibt es in den Städ-ten und Gemeinden erheblichen Handlungsbedarf. Das fängt bei der Gestaltung von Fußwegen und Straßenüberquerungen an. Fußwege dürfen nicht zu schmal sein; zu überdenken ist in diesem Zusammenhang auch die Einteilung von Bür-gersteigen in Fuß- und Radwege. Mehr Zebrastreifen sind erforderlich und Am-pelphasen müssen ausreichend lang sein. Ampeln mit deutlich hörbaren akusti-schen Signalen ermöglichen nicht nur blinden Menschen das Überqueren einer Straße, sondern geben auch älteren Menschen Sicherheit, die Lichtsignale auf der anderen Straßenseite nicht mehr so gut erkennen können. Abgesenkte Bord-steinkanten erleichtern nicht nur Benutzern von Rollstühlen das Überqueren einer Fahrbahn. Davon profitieren auch Mütter mit Kinderwagen oder eben in ihrer Mo-bilität eingeschränkte ältere Menschen.
Gerade in Innenstädten sollten Möglichkeiten zum Ausruhen und öffentliche Toi-letten vorhanden sein, die auch für behinderte Menschen leicht zu erreichen sind.
Vor Behörden oder Arztpraxen müssen Besucherparkplätze zur Verfügung ste-hen. Und Aufzüge sollten in Parkhäusern, ebenso wie auf Bahnhöfen, eine Selbstverständlichkeit sein.
Im öffentlichen Personennahverkehr müssen Linienführung und Fahrpläne nicht nur auf die Bedürfnisse der Berufstätigen, sondern auch auf die Bedürfnisse älte-rer Menschen abgestimmt werden. Seniorenvertretungen oder andere relevante Organisationen sind daran zu beteiligen. Die nicht standardisierten Fahrkartenau-tomaten sind selbst für technisch versierte Menschen nur schwer zu bedienen; eine vereinfachte Benutzung kann durch die Einführung von Seniorentickets er-reicht werden.
Auf Bahnhöfen sind funktionierende Rolltreppen erforderlich. Durchsagen über Lautsprecher müssen verständlich sein. Der fortschreitende Abbau von Fahrkar-tenschaltern und Servicecenters schränkt ältere Menschen erheblich in ihrer Mo-bilität ein. Für Blinde und Sehbehinderte ist es praktisch unmöglich, Fahrscheine ohne fremde Hilfe zu lösen. Solange sich dies nicht ändert, muss zumindest an den bestehenden Freifahrtregelungen festgehalten werden. Wenig kundenge-recht ist in der Regel auch die Gestaltung der Fahrpläne. Neben der zu kleinen Schrift sind sie teilweise zu hoch aufgehängt. Das gilt erst recht für die – kaum lesbaren – Platzreservierungsschilder in den Zügen der Deutschen Bahn. Auf An-sagen über Umsteige- und Anschlussmöglichkeiten wartet man nicht selten ver-geblich. Auch für die Gepäckaufbewahrung in Zügen muss eine bessere Lösung gefunden werden.
Schließlich muss der öffentliche Personenverkehr auch bezahlbar bleiben, um die Teilhabe aller in einer mobilen Gesellschaft zu gewährleisten.
2. Versorgung
Um eine möglichst lange selbständige Lebensführung zu gewährleisten, muss die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs (Lebensmittelgeschäfte, Drogerien, Apotheken, etc.) gesichert sein. Ebenso sind wohnortnahe Dienstleistungsange-bote (Ärzte, Sparkassen, Post, Gaststätten, etc.) erforderlich. Das betrifft in be-sonderem Maße den ländlichen Raum, wo die Infrastruktur mehr und mehr zu-sammenbricht. In vielen Dörfern gibt es weder Lebensmittelgeschäfte noch Ärzte oder Apotheken. Die Ansiedlung von Einkaufszentren an den Stadträndern führt aber auch zu einer „Entleerung“ vieler Innenstädte. Es müssen Maßnahmen er-griffen werden, mit denen der beschriebene Prozess aufgehalten und ein Gegen-trend eingeleitet werden kann. Neben der Politik appellieren wir dabei vor allem an die Verantwortung der Wirtschaft. Schließlich muss auch der Verbraucher sei-ne Einflussmöglichkeiten nutzen.
Wo die Versorgung vor Ort nicht (mehr) gewährleistet ist, ist vor allem der ÖPNV gefordert, Menschen in die benachbarten Gemeinden zu befördern, wo sie ent-sprechende Angebote vorfinden. Wenn auch dies nicht möglich ist, müssen Fahr-dienste organisiert werden.
Soweit die Mobilität älterer Menschen eingeschränkt ist, sind Bring- und Holdiens-te (Beispiel: „Rollender Supermarkt“) zu organisieren, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Speziell im ländlichen Raum muss das Dienstleistungsangebot vie-lerorts noch ausgebaut werden.
3. Teilhabe und Integration
Ebenso wichtig wie die Frage der täglichen Versorgung älterer Menschen ist ihr Bedürfnis nach Kommunikation. Die Gestaltung des Wohnumfelds entscheidet maßgeblich darüber, ob und inwieweit ältere Menschen am gesellschaftlichen Le-ben teilhaben können. Neben spezifischen Angeboten für Ältere ist ein Miteinan-der der Generationen zu gewährleisten. Das notwendige Umdenken in der Städ-teplanung bedingt, dass das Thema „Leben im Alter“ in den relevanten Studien-gängen aufgegriffen wird.
Konkret müssen die Kommunen Freizeitmöglichkeiten für Senioren anbieten. Da-zu gehören Sportangebote, Warmbadetage in Schwimmhallen, Volkshochschul-kurse, etc. Bildungsangebote müssen neben der Wissensvermittlung auch zur Bewältigung des Alltags beitragen und soziale Kontakte fördern. Ältere Menschen müssen darüber hinaus Zugang zu kulturellen Angeboten und den Medien haben. Dazu müssen die Angebote nicht nur erreichbar und bezahlbar sein; es müssen auch Themen aufgegriffen werden, die den Interessen Älterer entsprechen. Dem gegenwärtigen Trend, freiwillige Leistungen der Altenhilfe zu streichen, ist zumin-dest durch eine verstärkte Förderung von Selbsthilfestrukturen entgegenzuwirken.
Daneben bedarf es mehr Information und Beratung. Dabei sind die emotionalen Aspekte des Themas „Wohnen im Alter“ zu berücksichtigen. Von essentieller Be-deutung ist die Vernetzung der Älteren untereinander. Das gilt in besonderer Wei-se für den ländlichen Raum. Es müssen daher Versorgungskonzepte entwickelt und gefördert werden, die auf Integration und Kleinräumigkeit setzen, damit sozia-le Nähe entstehen kann. Auch Begegnungsstätten und Seniorenbüros müssen unterstützt werden. In solchen Zusammenhängen entstehen Netzwerke, die bei der Bewältigung des Alltags helfen, bei fortschreitendem Alter und eingeschränk-ter Mobilität den Kontakt zur Gemeinschaft erhalten und damit der von vielen be-fürchteten Einsamkeit vorbeugen.
Die Integration von Jung und Alt muss ebenso eine Maxime der Stadtentwicklung werden wie die Integration von Migrantinnen und Migranten. In Zusammenarbeit mit den relevanten Organisationen vor Ort müssen die spezifischen Bedürfnisse älterer Migranten ermittelt werden.
4. Sicherheit
Mit dem Stichwort „Sicherheit“ sind verschiedene Aspekte verbunden.
Früher oder später sind ältere Menschen in ihrer Mobilität eingeschränkt. Ebenso wie in den Wohnungen muss daher auch im Wohnumfeld für Barrierefreiheit ge-sorgt werden. Hier sind vor allem die Kommunen, aber auch andere Akteure ge-fordert. Fehlende Lifte und Rampen erschweren nicht nur behinderten Menschen den Zugang zu öffentlichen Gebäuden, auch vielen Älteren bereitet das Treppen-steigen Probleme, insbesondere wenn für ein Anliegen Dienststellen auf ver-schiedenen Etagen oder in unterschiedlichen Gebäuden aufgesucht werden müssen. Auch sind Orientierungshilfen in öffentlichen Gebäuden erforderlich.
Im Hinblick auf die Sicherheit im Straßenverkehr ist festzustellen, dass die über 65-Jährigen die einzige Gruppe sind, für die im Jahre 2003 mehr Verkehrstote re-gistriert wurden (plus 7 %). Vor allem unter den getöteten Fußgängern und Rad-fahrern sind überproportional viele Ältere; etwa jeder zweite getötete Fußgänger oder Radfahrer ist 65 Jahre oder älter. Zebrastreifen werden ihrer Funktion nicht gerecht, hier passieren überdurchschnittlich viele Unfälle. Eine gemeinsame Kampagne unter Beteiligung von Polizei, Medien, Verkehrs- und Seniorenver-bänden kann über besondere Gefahren aufklären. Auf kommunaler Ebene müs-sen Gefahrenpunkte erkannt und für Abhilfe gesorgt werden – bis hin zur konse-quenten Ahndung rücksichtsloser Verhaltensweisen.
Die Angst vieler älterer Menschen, Opfer von Kriminalität zu werden, ist ernst zu nehmen, damit sie sich nicht zurückziehen, auf Mobilität verzichten und dadurch eher hilfsbedürftig werden. Insbesondere sind Konzepte einer präsenten, bürger-nahen Polizei zu verwirklichen. Das Modell des „Schutzmanns“ als Ansprechpart-ner auf der Straße könnte wiederbelebt werden. Aber auch verhältnismäßig kleine Maßnahmen, wie die Verbesserung der Straßenbeleuchtung, können den Ein-druck der Sicherheit erhöhen. Unzumutbar ist auf alle Fälle die Verbannung in Fußgängertunnels.
Die Schwachstellen, die eine möglichst lange selbständige Lebensführung im Alter behindern, müssen vor Ort aufgedeckt werden. Kommunen, aber auch Unternehmen und Seniorenvertreter haben die Aufgabe, Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten, die in Stadtentwicklungskonzepte einfließen müssen.
Vor allem aber muss – sowohl beim Aufdecken der Probleme als auch bei der Erar-beitung und Umsetzung von Lösungen – auf die Kompetenz und das Erfahrungswis-sen der Älteren zurückgegriffen werden. Überall dort, wo dies geschieht, erleben die Seniorinnen und Senioren ihr Gemeinwesen als anregend und lebenswert.
Tatsache ist, dass viele der aufgezählten Maßnahmen zur Anpassung des Wohnum-felds nicht umsonst zu haben sind. Diese Investition der Gemeinschaft lohnt sich aber: Zum einen profitieren alle davon, zum anderen fördert sie speziell die Selb-ständigkeit älterer und behinderter Menschen und das spart Mittel, die andernfalls für die Versorgung und Betreuung aufgebracht werden müssten. Die Anpassung des Wohnumfelds an die Bedürfnisse Älterer ist daher nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.
Bonn, 1. Oktober 2004







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