Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Lehr

Leitthema „Körperliche Fitness“

Aktiv und bewegt älter werden in unserer Zeit - Konsequenzen und Perspektiven für ein erfolgreiches Alter

Älterwerden in unserer Zeit ist etwas ganz anderes als zu Zeiten unserer Großeltern und Urgroßeltern, als das Auto noch eine Seltenheit war, als lange Wege zur Arbeitsstätte zu Fuß zurückgelegt werden mussten, als viele berufliche Tätigkeiten weit mehr körperliche Anstrengung verlangten, in Zeiten, in denen auch das Wäschewaschen und der Haushalt körperliche Schwerstarbeit war. In unserer Zeit ist vielfach die Bewegung auf das Hin- und Herrollen des Schreibtischstuhls beschränkt. Wir schreiben eMails und brauchen nicht einmal mehr zum Briefkasten gehen! On-Line-Banking erspart uns den Weg zur Bank, Internet-Shopping bewegt höchstens die Maus, bestenfalls ein paar Finger auf der Tastatur und das Fernsehprogramm verhindert außerdem noch manchen Abendspaziergang. Wie wollen wir dann noch bewegt älter werden?

Diese Frage stellt sich aber nicht nur den über 50- und 60-Jährigen, sondern uns allen, denn wir alle werden älter von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Dass wir älter werden, daran können wir nichts ändern, aber wie wir älter werden, das haben - zum Teil wenigstens - wir selbst in der Hand.

Wir haben eine zunehmende Langlebigkeit, die wir begrüßen und nicht etwa als Problem oder gar als Katastrophe hinstellen sollten. Doch jeder Einzelne und auch die Gesellschaft hat sich darauf einzustellen, hat alles zu tun, damit die zusätzlichen Lebensjahre nicht eine Verlängerung des Dahinsiechens und Sterbens bedeuten, sondern zu "gewonnenen Jahren" werden. Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden, bei Erhalt der Selbständigkeit und größtmöglicher Unabhängigkeit ist im Interesse aller: Der Älteren selbst, ihrer Familien, der jüngeren Generationen und der ganzen Gesellschaft. Und zu einem gesunden, bewegten Altwerden können Senioren- und Sportverbände sehr viel beitragen.

 

I. Gesundes Altwerden - die Herausforderung unserer Zeit

Doch gesundes Altwerden - was ist das eigentlich?

  1. Gesundheit ist nicht nur das Fehlen von Krankheit. Bei dem Fortschritt der Medizin, den immer neuen und gründlicheren Diagnosemöglichkeiten, gilt heute die Feststellung: Gesund ist schlecht diagnostiziert, denn nahezu jeder hat irgendwo irgendwelche kleineren oder größeren Probleme.
  2. Gesundheit ist vielmehr - der WHO-Definition entsprechend - "körperliches, seelisch-geistiges und soziales Wohlbefinden". Es kommt also nicht nur darauf an, ob man laut Arzturteil und Laborbefund gesund ist, sondern auch, ob man sich subjektiv gesund fühlt.
  3. Nach HUBER schließt Gesundheit aber auch die Fähigkeit ein, sich mit etwaigen Belastungen, Einschränkungen, Behinderungen (in körperlichen, aber auch im geistig-seelischen und sozialen Bereich) auseinander zusetzen und adäquat damit umzugehen.

Diskutiert man heutzutage Gesundheit unter dem Aspekt der Prävention, der Vermeidung von Risikofaktoren, dann erwähnt man zuerst - mit Recht - gesunde Ernährung, Verzicht auf Drogen, Nikotin, Alkohol, sodann die Notwendigkeit körperlicher Aktivität, Hygiene und Vorsorge-Untersuchungen. Dass es neben diesem aber auch darauf ankommt, schon in jungen Jahren die Fähigkeiten zu entwickeln, sich mit Stress und Belastungen auseinander zusetzen und adäquat umzugehen, das vergisst man gerne. Und wie oft hilft ein "körperliches Sich-Abreagieren" manche Problemsituationen zu klären oder gar zu lösen.

Darüber hinaus hat Wohlbefinden im Alter etwas mit "Gebrauchtwerden" zu tun. Es gilt, sich neue Aufgaben zu suchen, sich irgendwo - warum nicht in einem Sportverein - zu engagieren. Dies hilft darüber hinaus vielen nach dem Ende der Berufstätigkeit, ihre Zeit neu zu strukturieren, einen neuen Rhythmus zu finden und damit dem Alltag eine neue Zukunftsausrichtung zu geben.

"Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden", das ist die Devise unserer Zeit. Nicht "Forever young" ist das Ziel, sondern "kompetent alt sein bei Wohlbefinden". Wir brauchen keine Anti-Ageing-Bewegung, wir stehen zu unserem Alter, und setzen uns für ein gesundes, kompetentes und bewegtes Altern ein.

 

II. Die Notwendigkeit körperlicher Aktivität für eine Lebensqualität im Alter

Die Bedeutung der Aktivität für ein Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden wurde in der Wissenschaft schon lange erkannt. Spätestens seit Anfang der 70er Jahre betonen Mediziner, Psychologen, Sportwissenschaftler und andere Disziplinen: Körperliche, geistige und soziale Aktivität ist den Erkenntnissen der neueren gerontologischen Forschung zufolge die Voraussetzung für eine Lebensqualität in der 3. (oder 4.) Lebensphase.

Ein hohes Lebensalter bei psychophysischem Wohlbefinden zu erreichen, war von jeher der Wunsch der Menschheit. Schon vor mehr als 2000 Jahren empfahl HIPPOKRATES (460-377 v. Chr.) als Regeln für eine gesunde Lebensführung, die ein hohes Lebensalter garantiere:

"Alle Teile des Körpers, die zu einer Funktion bestimmt sind, bleiben gesund, wachsen und haben ein gutes Alter, wenn sie mit Maß gebraucht werden und in den Arbeiten, an die jeder Teil gewöhnt ist, geübt werden. Wenn man sie aber nicht braucht, neigen sie eher zu Krankheiten, nehmen nicht zu und altern vorzeitig" (HIPPOKRATES, de articulis reponendis 56; vgl. MÜRI 1962, S.361).

Ähnliche Empfehlungen bezüglich körperlicher Bewegung und Gymnastik finden sich bei Galen v. Pergamon (129-199 n. Chr.), van SWIETEN (1700-1772), HUFELAND (1762-1836) und anderen.

Frühe Hinweise auf eine notwendige Aktivität im Alter, eine lebenslange Vorbereitung auf das Alter, eine Geroprophylaxe, die schon in Kindheit und Jugend beginnen und neben dem physischen Bereich auch den geistigen Bereich umfassen sollte, findet man sowohl bei PLATO (427-347 v. Chr.) in seiner "Politeia" als auch bei CICERO (106-43 v. Chr.) in seiner Schrift "Cato maior de senectute": "Nichtaufhören, Weitermachen, ständiges Üben in allem, das ist die Maxime", so CICERO.

Methodisch abgesichert waren diese Aussagen damals freilich nicht, heute haben wir jedoch durch neuere Forschungen hinreichend Belege für das Zutreffen dieser alten Einsichten.

Im Jahr 1999 hatte der Bergedorfer Gesprächskreis seine 114. Sitzung unter das Thema gestellt: Welche gesellschaftliche Wertigkeit hat der Sport? Einer der Referenten war Jürgen PALM, der eine Lanze für den Breitensport brach, der an der Schwelle zum 21. Jahrhundert vor vier bisher in ihrem Ausmaß nicht realisierten Herausforderungen steht: (PALM, 1999, S.53ff):

  1. die Alterung der Gesellschaft,
  2. die Zunahme der Krankheitskosten,
  3. die Abnahme von Arbeit, die Zunahme der Freizeit,
  4. das Vordringen virtueller Realität und damit zunehmender Bewegungsarmut.

Auch wenn PALM den Sport nicht "als Reparaturwerkstatt für Zivilisationsprobleme" verstanden wissen will, betont er doch die wichtige Rolle des Sports, sowohl im Rahmen der Prävention als auch "in der Erschließung neuer Lebensräume durch Sport im Sinne eigengestalteten Lebens".

 

1) Aus der Alterung der Gesellschaft entsteht die Pflicht, möglichst alles zu tun, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben. PALM: "Zwei Drittel der häufigsten Altersbeschwerden können durch Aktivitäten, und zwar körperliche wie mentale, positiv beeinflusst werden können".

 

2) Beim Anstieg der Krankheitskosten erwähnt er u. a. verhaltensbedingte Krankheiten. Hier könnte der Sport wesentliche Beiträge leisten; erwähnt seien nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose u. a. m.

 

3) Wir haben einen enormen Anstieg freier Zeit - und werden in Zukunft noch eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit und eine Zunahme an Freizeit haben. Während um 1900 nur 25% der Lebenszeit "freie Zeit" war, um 1980 dann sogar 46%, werden es in Zukunft - bei einer stark angestiegenen Lebenszeit - sogar 53% "Freizeit" sein, - während die Arbeitszeit im Leben von 34% 1900 über 12% 1980 auf 6% der gesamten Lebenszeit sinken wird (so IMHOFF). "Die Erwerbsarbeit als sinnstiftender Faktor verliert für immer mehr Menschen an Bedeutung. Es müssen neue Tätigkeiten auf anderen Gebieten erschlossen werden. Hier könnte der Homo ludens in der Welt des Sports neue Betätigungsmöglichkeiten finden", so PALM (1999, S.56).

Doch wie verbringen ältere Mitbürger diese ihre freie Zeit, wie sieht ihr Alltag aus? Die vorliegenden Freizeitstatistiken zeigen wenig Übereinstimmung. OPASCHOWSKI (1998) stellt sehr treffend fest: "Der Fernsehabend beginnt nachmittags" bei Senioren (63%; Fernsehen insgesamt 83%); darüber hinaus wird viel Zeit mit Zeitungslesen (81%), Zeitschriftenblättern (59%), ein Buch lesen (41%) mit Spazierengehen und Wandern (66%), Handarbeiten, Basteln (40%), Gartenarbeit (40%), Kreuzworträtsel lösen (28%), Theater- oder Konzertbesuchen (13%) und spezifischen Hobbys (Briefmarken, Münzen etc.) 12% verbracht.

Die Daten bezüglich Weiterbildung, Kurse besuchen, Vorträge hören, etwas Neues lernen, sind ebenso widersprüchlich. Nach OPASCHOWSKI sind es etwa 7% der Senioren; die Volkshochschulstatistiken zeigen etwas höhere Zahlen.

Stärker ins Gewicht fallen Reisen. So entnehmen wir dem 3. Altenbericht (2001), dass von den über 60-Jährigen 37% der Männer und 28% der Frauen jährlich eine Reise unternehmen, hinzukommen 47% der Männer und 24% der Frauen, die jährlich mehrere Reisen unternehmen.

Sport spielt nach OPASCHOWSKI (1998) nur bei 5-7% der Senioren eine Rolle. Genaue Zahlenangaben sind hier schwierig, da die Definition "sportlicher Aktivität" sehr schwammig ist. Wenn man nicht nach körperlicher Aktivität oder Bewegung fragt, sondern "sportliche Aktivitäten" enger definiert, ist die Teilhabe an dieser Art der Freizeitgestaltung in repräsentativen Studien äußerst gering. Nach einer Erhebung bei 9.400 Personen im Jahr 1991 und bei 13.600 Personen im Rahmen des "Sozioökonomischen Panels" in Deutschland stellen MIELKE & UHLENBRUCK 1997 fest, dass nur 2,2% bis 2,7% der 50- über-80-Jährigen Befragten täglich Sport treiben. Einmal wöchentlich treiben danach 16,2% der 50-60-Jährigen, aber nur 3,3% der über 80-Jährigen Sport.

 

4) Der Anteil Älterer, die an ihrem eigenen Computer sitzen, beträgt nach dem 3. Altenbericht (2002, S.264) bei den 55-64-Jährigen 21,1%, bei den 65-74-Jährigen 9,1% und den über 75-Jährigen noch 4,5%. Einen eigenen Internet-Anschluss haben 7,5% der 55-64-Jährigen, 3,4% der 65-75-Jährigen und 2,7% der über 75-Jährigen. Doch das wird sich in der Seniorengeneration von morgen ändern.

Das Vordringen der virtuellen Realität, die zunehmende Bedeutung des Bildschirms, führt zu einem (körperlichen) Bewegungsmangel. Offensichtlich befinden wir uns in einer Phase des Menschseins, in der das Sitzfleisch zum wichtigsten Körperteil wird. In nur zwei Generationen sind wir vom Spiel auf der Straße zum Spiel am Computer übergegangen. Hier könnte durch den Sport ein Gegengewicht gebildet werden, eine unmittelbare Erlebniswelt, in der jedermann - ob mit oder ohne Talent - sinnliche Erfahrungen real machen kann." (PALM, S.58)

 

III. Die positiven Auswirkungen sportlicher Aktivitäten

Auf den Wert der Aktivierung körperlicher Kräfte und der Abforderung körperlicher Leistungen als Prävention bzw. Geroprophylaxe und als Therapeutikum haben Wissenschaftler immer wieder hingewiesen (vgl. BÖS et al., 1994; BAUMANN & LEYE, 1997; BAUMANN, 1999, OSWALD, HAGEN & RUPPRECHT, et al.1996, MEUSEL, 1996; 1999, WERLE & ZIMBER, 1997). STEINBACH hat schon 1970 gesagt: "Soll sich der Organismus im Sinne einer Förderung der Funktionsfähigkeit verändern, dann muss er zunehmenden Belastungen ausgesetzt werden. Es führt kein Weg am Fleiß vorbei" (S.98). STEINBACH hat schon damals auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die durch den Austritt aus dem Berufsleben gegeben sind, da hiermit oft eine Reduzierung der körperlichen Leistungen und Aktivitäten einhergeht, die zur Reduzierung sozialer und intellektueller Aktivitäten durch das Ausbleiben beruflicher Anforderungen noch hinzukommt: "Die Folge ist eine Inaktivitätsatrophie auf allen diesen Gebieten, die eigentlich über das hinausgeht, was altersmäßig und biologisch notwendig wäre" (STEINBACH 1971, S.32).

Die meisten körperlichen Alternsveränderungen, die zwar - je nach Individuum- in sehr unterschiedlichem Lebensalter eintreten können, "ähneln denen, die auch ein Mangel an Bewegung im Gefolge hat" (J.SCHMIDT, 1972, S.191):

Der Nachweis, dass die für das einzelne Individuum "richtigen" sportlichen Aktivitäten, in richtiger Dosierung ausgeübt, das psychische Wohlbefinden steigern und die relevanten physiologischen Werte auch beim 40-, 50- und sogar 70-Jjährigen noch verbessern können, ist mehrfach seitens der Sportwissenschaft und Sportmedizin erbracht worden (HOLLMANN, RIEDER, MEUSEL, WERLE u. a.).

Ebenso wurde gezeigt, dass körperliche Aktivität, Bewegung und Sport auch auf kognitive Fähigkeiten von Einfluss sind. Schnellere Reaktionszeiten, bessere Gedächtnisleistungen und ein besseres Abschneiden bei Problemlösungsaufgaben konnten u. a. BIRREN 1995, OSWALD, et al,1996, BAUMANN, 1997, 1999) nachweisen. In Langzeitstudien haben diejenigen ihre intellektuellen Fähigkeiten am stärksten verbessert und über Jahre hinweg gehalten, die neben dem Gedächtnis-Trainingsprogramm gleichzeitig ein körperliches Aktivierungsprogramm durchgeführt haben (vgl. BAUMANN).

Eine erste Analyse der Daten der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE), durchgeführt an den Universitäten Heidelberg und Leipzig bei den Geburtsjahrgängen 1930/32 und 1950/52, bringt ähnliche Belege. EICHBERG und SCHULTE (1999) haben festgestellt, dass sich die Sportler hinsichtlich der fluiden Intelligenz signifikant von den Nicht-Sportlern unterscheiden. Außerdem fand man in der sportlich aktiven Gruppe bessere Konzentrations- und Gedächtnisleistungen. Hinsichtlich des Gesundheitszustandes wurden seitens des Arztes als gut und sehr gut 66,23% der Sportler, aber nur 43,48% der Nicht-Sportler eingestuft. Auch der subjektive Gesundheitszustand wurde von den sportlich Aktiven häufiger als sehr gut und gut eingestuft als von den Nicht-Sportlern.

Nach einer kritischen Analyse der Literatur über den Zusammenhang von sportlicher Betätigung, Gesundheit und Anpassung an das Alter kommt MEUSEL (1996) zu dem Schluss, dass bei einer in dieser Hinsicht inaktiven Lebensweise das Leistungsniveau in allen motorischen Fähigkeiten zurückgeht. "Schon geringe Bewegungsaktivität im Alltag, Beruf und Sport wirkt sich - besonders bei sonst bewegungsarmer Lebensweise - positiv im Sinne einer Verzögerung der Rückbildungsprozesse aus. Auch im höheren Alter können durch gezieltes Training noch Anpassungsprozesse in Gang gesetzt werden, die degenerativen Veränderungen entgegenwirken. Andernfalls beginnt der Rückgang der Leistungsfähigkeit ohne Training schon am Ende des zweiten, spätestens im dritten Lebensjahrzehnt. Jede der motorischen Fähigkeiten Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Gelenkigkeit, Gleichgewicht und Koordination hat ihre spezifische Bedeutung für die Erhaltung der allgemeinen motorischen Leistungsfähigkeit im Alter und für die Bewahrung oder Verbesserung einzelner Merkmale der Gesundheit." (MEUSEL, 1996, S.119). - Und weiter heißt es: "Was bisher als Alternsprozess verstanden wurde, ist in hohem Maße Auswirkung mangelnden Trainings. Deshalb kann sportliche Betätigung und Bewegungsaktivität überhaupt helfen, die Leistungsfähigkeit in allen motorischen Fähigkeiten bis ins hohe Alter zu erhalten." (MEUSEL, 1996, S.119)

 

IV. Herausforderungen zu sportlicher Aktivität: Motivations- und Barrierefaktoren

Dass körperliche Aktivität, Bewegung und Sport notwendige Voraussetzungen für ein gesundes Altern sind, gehört heute schon zum Allgemeinwissen und wird allgemein anerkannt. Doch dieses Wissen führt nicht unbedingt zu einem entsprechenden Verhalten. Wenn auch die Zahl der sportlich aktiven Senioren in den letzten Jahren zugenommen hat, ist die Gruppe der Abstinenten sehr groß. Es gilt also, sowohl die Motivationsfaktoren als auch die Barrieren sportlicher Betätigung zu ergründen.

 

Motivation zu Bewegung, körperlicher Aktivität und Sport

WELFORD hat die "Kosten-Nutzen-Theorie" aus der Volkswirtschaft auf die "Motivations-Barriere-Theorie" des Alltagsverhaltens bei älteren Menschen übertragen. Während es im jüngeren Lebensalter starke Motivationen zur sportlicher Betätigung gibt (Wunsch nach Fitness, Attraktivität, Gesundheit, Leistung und Anerkennung derselben) und die Barrieren äußerst gering sind, steigen die Barrieren mit zunehmendem Lebensalter an (anderweitige familiäre Verpflichtungen, weniger Zeit, Verlust der Attraktivität u. a. m.), während die Motivationen zunehmend schwinden. Im höheren Erwachsenenalter schließlich dominieren die Barrieren (schwere Erreichbarkeit der Sportstätte, negatives Alters-und Selbstbild, zunehmende Unsicherheit), während die Motivationen stark herabsinken - was dann schließlich zu einer sportlichen Inaktivität führen kann.

Befragen wir jene Älteren, die sportlich aktiv sind, so werden an erster Stelle expressive Motive genannt: "Bewegung und Sport Spaß macht", "Ich bin dann guter Stimmung bin, ich fühle mich wohler", "weil man mit anderen Menschen zusammen ist". Erst dann folgen Nennungen, die mehr "instrumentelle" Motive betreffen, die sich auf die Erhaltung der Gesundheit beziehen "um beweglich zu bleiben", "um etwas gegen meinen hohen Blutdruck und mein Übergewicht zu tun". Fragt man hingegen sportlich inaktive ältere Personen, was für sie möglicherweise motivierende Momente wären, so werden ausschließlich instrumentelle Motive im Sinne einer Gesundheitsförderung genannt, die jedoch - solange man keinen Leidensdruck verspürt - nicht motivierend wirken.

Das heißt: Um ältere "Bewegungslahme" zu motivieren, sollten wir weit mehr den Spaß, die Freude an der Bewegung, das Vergnügen und Wohlfühlen betonen und Sport und Bewegung nicht nur als "Pflicht" zur Gesunderhaltung herausstellen.

 

Barrieren gegenüber sportlicher Betätigung und Bewegung

Eine wichtige Barriere gegen sportliche Betätigung im Alter ist auch nach unseren Studien durch das in der Gesellschaft bestehende negative Altersbild ("Was rennt der Alte da noch rum"), aber auch durch fehlende Information gegeben. Alten Menschen gesteht man höchstens bestimmte Sport- und Bewegungsarten zu (Golf, Spazierengehen), schon beim Walking werden sie - oder genauer: fühlen sie sich - belächelt.

Auch das Vorurteil, die eigenen Kräfte seien im Alter verbraucht, trägt zu dieser Hemmung gegenüber Sport und Bewegung im Alter bei.

Manchmal sind es auch krankheitsbedingte Einschränkungen, gesundheitliche Handicaps, die eine Bewegungsreduzierung fordern. Hier bedarf es der sportmedizinischen Beratung, welche Sportart für welche Person in welcher Situation günstig und fördernd ist.

Außerdem konnten biographische Wurzeln aufgezeigt werden. Bei den heutigen Seniorinnen und Senioren, vor allem in der Altersgruppe der über 80-jährigen Frauen, gab es kaum Gelegenheit zu sportlicher Betätigung in der Schul- und Jugendzeit. Fest steht nämlich: Diejenigen, die auch schon in ihrer Jugend und im jüngeren Erwachsenenalter sportlich aktiv waren, sind es auch eher im höheren Alter.

Als weitere Hemmschwellen wären Misserfolgserlebnisse bei sportlichen Betätigungen, ("Ich war immer der Letzte; ich kam mit dem Tempo der anderen nicht mit") zu nennen. Auch ein negatives Bild des eigenen Körpers, Verlust der Attraktivität und mangelndes Selbstvertrauen, tragen zu sportlicher Abstinenz bei.

In einer Studie des Instituts für Sportwissenschaft der Bonner Universität wurde eine Vielfalt von Gründen genannt für eine Ablehnung sportlicher Aktivitäten (DENK, 1997). Von den unter 60-Jährigen gaben 39,2% Zeitmangel als Grund an, bei den über 70-Jährigen waren es noch 13,6%. In dieser älteren Gruppe wurde außerdem das Risiko einer Verletzung oder die zu große Anstrengung und "gesundheitliche Gründe" wesentlich häufiger genannt als von den Jüngeren. Fehlende Kenntnis über Möglichkeiten zu sportlicher Betätigung, Abneigung gegen oder Scheu vor fremden Menschen, mit denen man zusammen Sport treiben sollte, waren weitere Gründe. In allen Altersgruppen aber wurde am häufigsten angegeben, dass man sich auch ohne Sport ganz wohl fühle oder man genügend andere Hobbys habe. Dennoch meint DENK, dass ein schlechter Gesundheitszustand der häufigste Grund für sportliche Inaktivität im Alter sei.

Außerdem wurden in mehreren Studien ökologische Faktoren genannt, die einen hemmenden Einfluss hatten: Immer wieder wurde die verkehrsungünstige Lage von Sportstätten und Schwimmbädern genannt, das Fehlen bequemer öffentlicher Verkehrsmittel und nahe gelegener Haltestellen. Bei Schwimmbädern bemängelte man außerdem ungünstige Öffnungszeiten, vor allem aber die für ältere und manchmal rheumageplagte Menschen zu kalten Wassertemperaturen, gelegentlich auch schwierige Einsteigleitern in Schwimmbecken und zu enge Umkleidekabinen.

 

V. Konsequenzen der Situationsanalyse für die Vereine

Schauen wir ins Statistische Jahrbuch - noch 1995!- da findet man auf S.429 "Vereine und Mitglieder des Deutschen Sportbundes" die 13,6 Millionen männlichen und 8,2 Millionen weiblichen Mitglieder aufgeteilt in die Altersgruppen "unter 15", "15 - 19", "19-22" und die Restkategorie "22 und mehr", zu der immerhin 9,1 Millionen männliche und 5,1 Millionen weibliche Mitglieder zählen. Das heißt: Rund zwei Drittel aller Mitglieder hat man in die "Restgruppe" abgeschoben!

Eine kleine Verbesserung ergibt sich aus dem Jahrbuch 2002 (S.426): Jetzt finden wir 14,3 Millionen männliche und 9,1 Millionen weibliche Mitglieder verzeichnet. Die Alterseinteilung lautet jetzt: "unter 15", "15-26", "27-40" und "41 und mehr Jahre". Immerhin: Die Restgruppe (5,4 Mio. Männer und 3,2 Mio. Frauen) beginnt nicht wie mehr bei den über 22-Jährigen, sondern erst bei den über 40-Jährigen, die immerhin noch mehr als ein Drittel der Gesamtgruppe ausmachen.

Hier wäre die erste Konsequenz in einer alternden Gesellschaft, das Alter - das heißt hier schon die über 40-Jährigen - nicht zu entdifferenzieren!

Vereine werden sich zu fragen haben: Wie gewinne ich ältere Menschen, wie spreche ich sie an, was kann man tun, um bei ihnen eine Hemmschwelle zu überwinden? (Tag der offenen Tür; kostenfreie Schnupperkurse; Einladung zu einmaligen attraktiven Veranstaltungen; Verteilen von Informationsblättern; Überzeugung der behandelnden Hausärzte, die entsprechende Empfehlungen aussprechen)

Hier könnte auch ein bisschen mehr im Hinblick auf Information getan werden. Was nützen die an sich gut gelungenen Anzeigen "Im Verein ist Sport am schönsten - weil wir hier in jedem Alter aktiv sein können", jedoch ohne jede Telefon-Nummer, ohne jede Adresse. Wenn nun die 65- 70-Jährige sich für Gymnastik-Stunden oder anderes interessiert - warum macht man es ihr so schwer und zwingt sie, Telefonbücher zu wälzen oder ihre löbliche Absicht aufzugeben?

Wenn wir jemanden motiviert haben, heißt es: Wie halte ich sie bei der Stange; wie überzeuge ich sie davon, dass "aktiver leben" nicht nur gesund ist, sondern auch Spaß macht? Wie mache ich das Treffen im Verein für sie attraktiv, welche Rahmenveranstaltungen (z.B. Wanderungen, Vortragsabende) wären sinnvoll? Sicher bedeutet die Möglichkeit zu sozialen Kontakten, zu Gesprächen, auch einen gewissen Pluspunkt.

Aber was hat der Übungsleiter alles zu beachten, besonders bei jenen Mitgliedern, die erst im Alter dazu gestoßen sind? Ein bisschen Gerontologie, das Wissen um die Entwicklung im Alter, ein bisschen Alterspsychologie wäre für ihn gewiss hilfreich. Wie kann er das häufig negativ getönte Selbstbild älterer Menschen stärken? Wie kann der Übungsleiter auch bisher sportlich Inaktiven Erfolgserlebnisse verschaffen oder wenigstens Misserfolgserlebnisse verhindern? Wie kann er Scheue und Zurückhaltende in die Gemeinschaft integrieren, so dass sie sich wohl fühlen? Wie kann er Überaktive bremsen, evtl. auch kritisieren, ohne sie zu entmutigen?

Zu all diesen und ähnlichen Fragen hat ja wohl als erster der Schweizer Verein für das Altersturnen in Maggelingen bereits vor Jahrzehnten Richtlinien erarbeitet (BARTH, 1976), die vielleicht an die Senioren von heute anzupassen wären, aber sicherlich immer noch hilfreich sein können.

 

 

Prof. Dr. Dr. h .c. Ursula Lehr

Universität Heidelberg

 

 

Literatur

U. Lehr (2000): Psychologie des Alterns; 9.völlig überarbeitete Auflage

(1. A. 1972); Heidelberg / Wiesbaden: Quelle & Meyer