BAGSO - Positionspapier zu "Gewalt gegen Ältere"
Gewalt ist in unserer Welt fast überall gegenwärtig. Sie kann alle treffen; z.B. Straßenpassanten werden beschimpft, ältere Frauen werden auf der Straße angerempelt und Handtaschen werden ihnen vom Arm gerissen. Selbst in der Familie kommt es zu Aggression und Gewalt.
Die BAGSO als Sprecherin der älteren Mitbürger steht da in der Verantwortung. Vorwürfe gegen andere und Lamentieren über die schlimme Entwicklung allein, und auch der Ruf nach Sicherheit und neuen Gesetzen genügen nicht, so sehr sie unter Umständen auch notwendig werden könnten, um ein menschenwürdiges Leben in Gemeinschaft und Freiheit miteinander zu gewährleisten.
Es geht darum, eine Gesinnung mitmenschlicher Gemeinschaft und gegenseitiger Anerkennung zu bejahen, sie selbst zu leben und in der Öffentlichkeit unserer Gesellschaft einzufordern.
Eine solidarische Welt kann nur gedeihen, wenn wir sie wollen, selbst aus der Grundhaltung gegenseitiger Achtung leben, in Wort und Tat energisch und geduldig dafür einstehen sowie uns bemühen, andere gleichfalls zu motivieren.
Solidarisch gegen Gewalt vorzugehen, die meistens isolierte, schwache oder pflegebedürftige Menschen trifft, sollte jeder Seniorenverband als eigenes Anliegen verfolgen.
Voraussetzungen für das Entstehen von Gewalt sind gegeben, wenn Personen wegen ihres Alters, ihres Geschlechtes, ihrer Behinderung oder ihrer Herkunft mißachtet werden. Solche Diskriminierungen müssen ausgeräumt werden. Senioren können sich gegenseitig stärken und ihr Selbstbewußtsein durch eine aktive Lebensgestaltung und soziales Engagement fördern. Auf diese Weise wächst auch ihre Wertschätzung in der Gesellschaft.
Seniorenverbände und Seniorenvertretungen wollen sich für von Gewalt betroffene Altersgenossen einsetzen, weil sie aufgrund ähnlicher Lebenserfahrungen verständnisvolle Ansprechpartner sind. Für Hilfestellungen gibt es verschiedene Ansatzpunkte:
- Viele Menschen verschließen vor Gewalt die Augen und wollen sie nicht wahrhaben. Daher ist für das Auftreten von Gewalt zu sensibilisieren, indem auf das Ausmaß und die vielfältigen Erscheinungsformen aufmerksam gemacht wird. Auch Nahestehende können betroffen sein, ohne das direkt zu äußern. Aus diesem Grund ist es wichtig, Mißstände zu erspüren, ohne daß daraus Kontrolle wird. Bei Verdacht sollte aufsuchende Hilfe geleistet werden.
- Gewalt gegen Ältere sollte in der Verbandsarbeit thematisiert werden, um vorhandene Ängste aufzugreifen und Hilfemöglichkeiten aufzuzeigen. Zusammen mit Beratungsstellen können Aufklärungsveranstaltungen durchgeführt werden. Wesentlich ist jedoch, daß Seniorenverbände selbst tätig werden und einen Aktionsplan entwickeln, etwa im Rahmen eines Besuchsdienstes. Hier bieten sich Kooperationen der BAGSO-Verbände untereinander an, die Gewaltbetroffenen Hilfen vermitteln wie z.B. Sozialverband Deutschland (SoVD), Sozialverband VdK, Volkssolidarität oder Humanistischer Verband.
- Gewalt kommt auch in der Pflege vor; sie äußert sich in körperlichen und seelischen Verletzungen, aber gleichfalls im Unterlassen von Hilfe und in Vernachlässigung. Da sie hinter den geschlossenen Türen von Häusern oder Heimen geschehen kann, ist sie schwer zugänglich.
Im Privatbereich und persönlichen Nahraum kann sie mit der Überbeanspruchung der Pflegeperson zusammenhängen. Pflegende Angehörige, die häufig mehrfach in Familie und Beruf belastet sind, sollten daher stärker entlastet werden. Ihnen sollten Beratung und Gruppenangebote zum Austausch von Erfahrungen zur Verfügung stehen.
Im stationären Bereich sind die Heimbeiräte durch Schulungen darauf vorzubereiten, Gewalt gegen Pflegebedürftige zu erkennen und die notwendigen Maßnahmen - z.B. zusammen mit der Bundesinteressenvertretung der Altenheimbewohner (BIVA) oder der Seniorenvertretung vor Ort - zu veranlassen. - Seniorenverbände haben die Vertretung der Interessen derjenigen Älteren, die Opfer von Gewalt geworden sind, in ihre politische Arbeit einzubeziehen.
Das Eintreten für die Wahrung der Menschenwürde Älterer, die Gewalt erleiden, verpflichtet nicht nur zu eigenem Tun, sondern berechtigt auch zu Forderungen an die Gesellschaft:
- Durch gezielte Kampagnen ist die Öffentlichkeit über Gewalt gegen Ältere aufzuklären und durch geeignete Informationsmaterialien auf Beratungs- und Interventionsmöglichkeiten hinzuweisen.
- Die Berufsgruppen, die mit Gewalt gegen Ältere konfrontiert werden (z.B. Hausärzte, Pflegekräfte und Polizei), sind durch entsprechende Schulungen, Praxisleitfäden etc. dazu anzuhalten, Anzeichen für Gewalt zu erkennen und Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Die Gewaltproblematik sollte systematisch und flächendeckend in die Aus- und Fortbildung von Pflege- und medizinischen Berufen integriert werden.
- In Kooperation mit Seniorenverbänden sind auf lokaler Ebene thematisch breit angelegte Beratungsangebote für ältere Menschen in Krisensituationen auszubauen bzw. zu schaffen, die auch Hilfsmaßnahmen bei Gewalt vermitteln können.
- Telefonische Beratungsdienste sind in Zusammenarbeit mit Seniorenverbänden mit aufsuchenden Angeboten für Krisenfälle zu koppeln. Die Voraussetzungen für die Einrichtung einer bundesweiten Hotline für einen telefonischen Beratungsdienst sind zu prüfen.
- Die Qualität der häuslichen, ambulanten und stationären Pflege ist zu verbessern, um Gewalthandlungen und Vernachlässigung vorzubeugen. Zu diesem Zweck sind folgende Maßnahmen notwendig:
- Entlastung pflegender Angehöriger durch ambulante Dienste und Beratungsangebote,
- aufsuchende Hilfe ohne Kontrolle bei pflegenden Angehörigen,
- Quantitativ sowie qualitativ bessere personelle und finanzielle Ausstattung der ambulanten und stationären Pflege,
- Stärkung der Mitwirkungsrechte von Heimbewohnern, Heimbeiräten und Heimfürsprechern,
- Ausbau von Beschwerde- und Schlichtungsstellen,
- Erweiterung der Aufsicht und Qualitätskontrolle für ambulante Dienste,
- Stärkung der Heimaufsicht und des MDK, auch hinsichtlich der personellen Ausstattung,
- Fort- und Weiterbildung sowie Angebote der Supervision für Pflegekräfte. - Förderung der Aktivitäten von Seniorenverbänden, Seniorenvertretungen und Selbsthilfegruppen, die sie zum Schutz älterer Mitbürger ausüben, sind dafür tragende Voraussetzung.
- Die Gewinnung, Sammlung und der Austausch verläßlichen Fach- und Expertenwissens ist zu intensivieren; hierbei sind Senioren und Seniorenverbände als Vertreter der betroffenen Generation und vorrangige Ansprechpartner zu beteiligen. Die Einrichtung einer zentralen Informationsstelle ist zu forcieren.
Prävention und Intervention bei Krisen und Gewalt gegen ältere Menschen sollen dazu führen, daß sie sich sicher, angstfrei und geborgen fühlen. Dafür setzt sich die BAGSO mit den angeschlossenen Verbänden ein.
Verabschiedet vom BAGSO-Vorstand am 1. Juli 2002







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